Predigtreihe Weisheit 5

24. Februar 2013

 

Sonntag Reminiscere

 

Predigtreihe

„Lebensweisheit aus der Bibel:

Vitamin-C-Spritze für den Alltag“

Predigt 5 – „Aus ärgerlichen Fußangeln freikommen: wie man Ärger vermeidet und in Energie verwandelt“

Sprüche 29, 11

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus! Amen.

 

  1. 1.    Die Erfahrung von Ärger und was dahinter steht

Liebe Gemeinde, wann habt Ihr den letzten Wutausbruch miterlebt? Ein Kind, das in einem Tobsuchtsanfall vor dem Süßigkeitenregal im Supermarkt brüllt und sich auf den Boden wirft? Oder ein Chef, der seine Angestellte im Büro herunterputzt und mit hochrotem Gesicht anschreit? Oder eine Mutter, die ihre Kinder anbrüllt und dabei Sofakissen im Zimmer an die Wand schleudert? Oder ein Mann, der wutentbrannt mit Fäusten auf seine Frau einschlägt? Wir alle haben Wutausbrüche miterlebt, unkontrollierte Explosionen von Ärger und Wut mit ihren hässlichen und ärgerlichen Seiten. Manchmal hat ein Wutausbruch eine recht harmlose Form eines reinigenden Gewitters, manchmal die Macht eines explodierenden Vulkans. Und wann haben wir selbst den letzten Ausbruch von Ärger gehabt, als wir unsere Gefühle von Wut nicht mehr zurückhalten konnten? Ärger gehört zum menschlichen  Leben, wir haben uns daran gewöhnt. Und doch weiß jeder, dass er eine zerstörerische Wirkung entfaltet über kurz oder lang. Nachdem x-ten Wutausbruch und Gewaltexzess sagt die Ehefrau: es reicht, ich lasse mich scheiden. Der Chef, der seine Angestellten dauernd anschreit, hat bald das Vertrauen verspielt und ein Klima von Angst und Hass gezüchtet. Die Familie, in der einer den anderen immer wieder in Gefühlsausbrüchen niedermacht und anbrüllt, ist bald ein Ort des Schreckens und kein warmer Ort der Geborgenheit mehr. Aber nicht nur Zimmereinrichtungen werden zertrümmert, und nicht nur Beziehungen, Ehen, Familien und Freundschaften gehen in die Brüche unter unkontrollierten Gefühlsausbrüchen, nein, wir demontieren auch uns selbst, wenn wir uns angewöhnen, unserem Ärger freien Lauf lassen. Je länger wir uns an das zerstörerische Verhaltensmuster von Wutexplosionen gewöhnt haben, desto mehr wird es ein Teil unserer Persönlichkeit: wir bekommen eine erschreckende, destruktive Persönlichkeit. Dies ist selbstverständlich kein neues Problem und so lesen wir schon in den Sprüchen den weisen Rat, Sprüche 29: „Der Dummkopf gibt seinem Ärger freien Lauf; der Weise kann sich beherrschen.“ (Spr. 29, 11) Auch wenn Menschen um uns herum es sich angewöhnt haben, sollten wir niemals dieses Verhaltensmuster kopieren und selbst zu Wutvulkanen werden, in denen der Ärger so lange hochkocht, bis er explodiert. So warnt Sprüche 22: „Nimm keinen Jähzornigen zum Freund und verbinde dich nicht mit jemand, der sich nicht beherrschen kann. Sonst gewöhnst du dich an seine Unart und gefährdest dein Leben.“ Der Rat der Sprüche, Ärger zu vermeiden und ruhig zu bleiben, erscheint uns weise und verständlich. Nur die entscheidende Frage ist: wie soll es funktionieren? Wie können wir unseren Ärger stoppen? Es wird deutlich: was die Sprüche meinen, ist nicht etwa, dass wir das Gefühl von Ärger in unserem Inneren vermeiden könnten, es ist da und kann nicht unterdrückt werden. Aber sehr wohl können wir kontrollieren und steuern, in welcher Form wir Ärger nach außen tragen und ihn zeigen oder ihn in unserem Inneren zurückhalten.

 

  1. 2.    Warum war Jesus zornig – ein tieferer Blick auf die berechtigte Form von Ärger

An dieser Stelle möchte ich eine kritische Zwischenfrage stellen. Wenn der Ausbruch von Ärger so schädlich ist, warum hat Jesus dann seinem Zorn Ausdruck verliehen? Wir lesen ja in den  Evangelien, wie Jesus zornig wurde, als er das laute aufgeregte Verkaufsgeschäft im Tempeleingang beobachtete. Seine Reaktion war explosiv: er stieß die Verkaufstische um und trieb die Händler aus dem Haus Gottes hinaus. Und ist nicht in der Bibel immer wieder vom Zorn Gottes die Rede, der entbrennt und Menschen trifft? Aber dieser Zorn Gottes und auch der Zornausbruch Jesu im Tempel hat gar nichts mit unkontrollierten Wutausbrüchen zu tun, sondern es ist der vollkommen kontrollierte und wohl überlegte Ausdruck des heiligen Zornes Gottes. Der Ausdruck Zorn Gottes ist oft missverstanden worden. Der Zorn Gottes ist kein Gefühl, sondern ein ganz sachliches vollkommen gerechtes  Urteil über schwerwiegende himmelschreiende Ungerechtigkeit und unhaltbare menschenfeindliche und gottverachtende Zustände. Es ist Jesus heiliger Auftrag als Sohn Gottes, die heilige Ruhe und Ordnung und Ruhe im Tempel wieder herzustellen. Das Verhalten Jesu ist an dieser Stelle nicht zu verurteilen, im Gegenteil: Jesus ist hier ein Vorbild für uns alle. Gerechter Zorn über schweres Unrecht, Menschenverachtung und Sünde ist für uns eine besondere Aufgabe. Dabei geht es nicht nur darum, sich aufzuregen und laut zu werden, sondern das Unrecht klar zu benennen und hilfreiche und nützliche Anstöße zur Veränderung zu geben. Viele große Veränderungen in der Geschichte sind durch den heiligen gerechten Zorn angestoßen worden, denken wir nur an die Reden von Martin Luther King zur Unterdrückung der Schwarzen.

 

  1. 3.    Welchen Weg wählst du: drei Wege, mit Ärger umzugehen

Liebe Gemeinde, kehren wir von diesem Sonderfall, der Äußerung des gerechten Zorns, zurück zu dem weitaus häufigeren Normalfall, dem Ärger über einen anderen Menschen, der uns in die Quere kommt, oder über eine Situation, die uns zu schaffen macht. Die ärgerlichen Wutgefühle in uns können wir nicht vermeiden. Aber wie gehen wir mit ihnen um? Es gibt drei verschiedene Wege: wir müssen in jedem Moment, wo wieder neu Wut in uns hochkocht, entscheiden, welchen dieser Wege wir wählen, oft mehrmals am Tag. Deshalb ist es so außerordentlich wichtig, zu sehen, welche Wahl wir haben.

Der erster Weg: wir können unseren Ärger herunterschlucken. Wir können so tun, als ob uns die Verletzungen und Enttäuschungen gar nicht weiter berühren würden. Man kann sich einreden, dass die negativen, aggressiven Gefühle in unserem Herzen verschwinden, wenn man sie tief genug vergräbt. Aber es funktioniert definitiv nicht. Wir haben schon mal gehört von korrupten chemischen Fabriken, in denen man gefährliche Giftstoffe einfach in der Erde vergraben hat oder versickern ließ, so dass sie ins Grundwasser gerieten. Für eine Weile sind sie unsichtbar, doch die Folgen sind katastrophal: unter der Oberfläche gärt das Gift weiter und verseucht weiträumig die Umwelt. Genau das passiert, wenn wir Ärger herunterschlucken: er verursacht Kopfschmerzen, Magengeschwüre oder Schlafstörungen, er vergiftet die Beziehungen zu anderen Menschen, das Klima in Familien und an Arbeitsplätzen. Manche Menschen ziehen sich total zurück und schweigen nur noch. Wo Ärger verdrängt wurde, herrscht ständig schlechte Laune und Gereiztheit. Das Gift verbreitet so trotzdem seine schädliche Wirkung nach außen. Wir merken: Herunterschlucken ist eine äußerst schlechte Strategie, mit Ärger umzugehen.

Sehen wir uns den zweiten Weg an: ich nenne es die Lamareaktion. Die niedlichen Felltiere aus Südamerika sind bekannt dafür, wenn sie gereizt sind, urplötzlich ihr Gegenüber anzuspucken. Vielleicht klingt auch das erstmal als eine gute Strategie: man frisst den Ärger nicht in sich hinein, man verschiebt das Problem nicht auf später, man spuckt den Ärger aus und wird damit das Problem scheinbar schnell los.  Aber, wer seinen Ärger ausspuckt, der sucht sich ständig Opfer, die er anspuckt, er teilt aus ohne Rücksicht auf Verletzungen. Im Moment mag man sich erleichtert fühlen, aber man gewöhnt sich eine gefährliche Verhaltensweise an, zerstört  Beziehungen und ist doch am Ende unzufrieden und frustriert, weil schnell deutlich wird, dass so Probleme nicht gelöst werden. Es ist eine Bumeranglösung: mit Sicherheit kommt der so heftig ausgespuckte Ärger mit allen negativen Folgen wieder zurück zu dem, der seine Wut heftig herausgeschleudert und auf andere Menschen abgeladen hat. Also ist auch der Wutausbruch keine hilfreiche oder sinnvolle Strategie.

Kommen wir nun zum dritten Weg, der einzigen Strategie, die wirklich hilft, Probleme löst und befreiend wirkt. Es ist der Weg der kritischen Selbstbetrachtung. Ärger als Gefühl ist unvermeidbar und eine ganz normale Reaktion. Manchmal leuchtet im Auto eine rote Warnlampe auf. Sie zeigt eine Gefahr an, etwa, dass der Motor einen Defekt hat oder der Tank fast leer ist. In vergleichbarer Weise sollte es für uns ein Warnsignal sein, wenn Ärger in uns aufsteigt. Wenn wir diese Gefahr nicht in den Griff bekommen, kann diese Wut innerhalb kurzer Zeit explodieren und schweren Schaden anrichten. Der nächste Schritt ist die Fehleranalyse: wenn wir erkennen, dass sich Wut in uns anstaut, sollten wir uns fragen: warum reagieren wir so gereizt. Ist vielleicht eine besonders empfindliche Stelle bei uns getroffen? Wenn wir erkennen, warum wir in Wut geraten sind, können wir viel klarer und ruhiger überlegen, wie wir kontrolliert reagieren und eine Gefühlsexplosion vermeiden. Müssen wir Türen knallen, schreien, giftige Worte um uns werfen? Nein, vielleicht ist es angebracht, erst mal den Raum zu verlassen und tief durchzuatmen, um innerlich nicht überzukochen. Als letzter Schritt sollten wir ganz ruhig überlegen, wie wir am besten eine Lösung für das Problem finden oder den Fehler, der uns so in Rage gebracht hat, korrigieren. Wenn wir vor Wut explodieren, wird die angestaute Energie in uns zerstörerisch nach außen geschleudert. Aber in dem Moment, wo wir das Problem, das unsere Wut hervorgerufen hat, klar erkannt haben und einen Lösungsweg entdeckt haben, können wir die ganze angestaute Energie in uns positiv nutzen, um mit aller Kraft an der Lösung des Problems zu arbeiten. Das nützt uns selbst und hilft unseren Mitmenschen. Dies ist der mit Abstand sinnvollste Weg zur Beseitigung von Ärger: Wut wird verwandelt in positive Energie zur Problemlösung. Genau das ist der Weg, auf den Gott uns leiten möchte, es ist die Lebensstrategie, die die Sprüche der Bibel uns nahelegen, weil dieser Weg weise und gottgefällig ist.

 

  1. 4.     Der ständige Kampf mit meinem Ärger und wie ich daran wachsen kann

Ich muss zugeben, diese Verwandlung von Ärger in positive Energie zur Problemlösung ist eine der schwierigsten Herausforderungen für mich und obwohl ich genau weiß, dass es mir gut tut und dass Gott es von mir erwartet, scheitere ich oft genug und lasse mich doch von meinem Ärger unterschwellig leiten oder versäume ihn rechtzeitig unter Kontrolle zu bekommen, so dass er unkontrolliert ausbricht. So bin ich im ständigen Kampf mit dem gefährlichen Ärger in mir. Besonders gefährlich ist Ärger in Verbindung mit Egoismus, es ist eine explosive Mischung, so wie Knallgas im Reagenzglas. Manchmal empfinde ich ungünstige Umstände und Hindernisse im Leben als eine Art persönliche Beleidigung. Warum bin ich in der langsamsten Schlange vor der Supermarktkasse? Warum stehe ich im Stau, wo ich doch schnell auf Arbeit kommen muss? Warum ist heute, wo ich tanke, der Benzinpreis so hoch? Ich beziehe alltägliche Hindernisse auf mich und fühle mich angegriffen und beleidigt. Ich fühle mich als Mittelpunkt der Welt um mich herum und meine, alles müsste für mich immer glatt laufen und andere müssten mir den Weg ebnen. Nüchtern betrachtet ist eine solche Lebensweise unsinnig. Aber wir rutschen leicht in solche Denkmuster: es ist Ausdruck einer ichbezogenen Lebenshaltung, die heute sehr weit verbreitet ist. Gerade als Christen sollten wir uns hier deutlich unterscheiden und wissen: Gott will uns nicht persönlich ärgern und ich bin auch niemals Mittelpunkt der Welt. Hindernisse und Ärgernisse im Alltag, wie Verkehrsstaus, unfreundliche Reaktionen anderer Menschen oder ein elektrisches Gerät, das kaputt ist, sind für uns Prüfsteine und Testsituationen für unseren Glauben, ob wir gelassen und ruhig bleiben. Als Kinder Gottes wissen wir: Gott ist der Mittelpunkt der Welt und wir sind in seiner Hand, kein Missgeschick oder Hindernis kann uns aus seiner guten Hand reißen: also – immer locker und ruhig bleiben, Gott wird uns auch auf Umwegen und durch Probleme zum Ziel führen. Wir sollten immer aufmerksam sein, dass wir uns keine ärgerliche und gereizte, empfindliche und explosive Lebenshaltung angewöhnen, wie wir sie bei vielen Menschen um uns herum beobachten, sondern in fröhlicher Gelassenheit bleiben, die der Glaube an Gott uns schenkt.

Eine ernste Gefahr ist die, dass ich selbst mich verleiten lasse, Ärger und Wut an Menschen auszulassen, die gar nichts damit zu tun haben, und mit schlechter, negativer Stimmung das Verhältnis zu meinen Mitmenschen zu vergiften. Wenn ich so Gott meinen Ärger verwandeln lasse, dann erfahre ich, wie Gott auf den krummen Wegen meines Lebens mich gerade gehen lässt oder wie es mal jemand sehr tiefsinnig formuliert hat: Gott lässt mich schrägen Vogel durch seine Hilfe gerade fliegen. Das ist erstaunlich und ermutigt mich, dass ich mein Leben jeden Tag neu Gott anvertrauen darf und gelassen und ruhig bleibe, auch wenn Ärger in mir aufkommt.

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus unserem Herrn. Amen.

 

Sprechzeiten im Pfarramt

Büro (Verwaltung und Friedhof): Frau Müller
Montag und Dienstag 10:00 Uhr-11:30 Uhr, sowie Donnerstag 15:00 Uhr - 17:00 Uhr

Pfarrer Krause:
Donnerstag: 9.00 Uhr-11.00 Uhr
sowie jederzeit nach Vereinbarung!

Tel.: (03661) 6646
Fax: (03661) 45 52 50