Predigt Jesus 1 2016

Caselwitz, 24. Januar 2016

Predigtreihe
„Auf Spurensuche:
Was hat Jesus in dieser Welt verändert?“

Predigt 1
„Willkommen, Königskind!“ – Jesus, die Könige und die Kinder und die Folgen für uns heute
Matthäus 18, 1-5

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserem Herrn Jesus Christus! Amen.

Liebe Gemeinde,
ich sitze beim Geburtstagskaffee in festlicher Runde mit dem Jubilar und den Gästen zufrieden vor meinem Kuchenteller und der Kaffeetasse, als das Gespräch von seichten Themen plötzlich in die Politik abdriftet und der Ton bei den Gästen, die mitdiskutieren, plötzlich schärfer und ernster wird – die Geburtstagsjubilarin hockt stumm und hilflos daneben. Klagen werden laut über die schrecklichen Zustände in der Welt: die Flüchtlinge in Deutschland, die uns alle überfordern, die Kriminalität, gegen die die Politiker und die Polizei nichts ernsthaft unternehmen, die Kriege in Syrien und anderswo, bei denen Deutsche und viele andere mit Waffenverkauf noch Geschäfte machen. Und plötzlich steht die stechende Frage im Raum: da kann man noch so viel beten und an den lieben Herrn Jesus glauben, das hat in den letzten 2000 Jahren doch überhaupt nichts verändert oder verbessert, seit Jesus lebte. Oder? Was antworte ich? Soll ich etwa das Elend und die Ungerechtigkeit in der Welt kleinreden? Soll ich so tun, als ob mich die Gewalt, die Kriege, die Morde, die Gefühlskälte und Gleichgültigkeit nicht selbst tief erschüttern und in mir Zweifel hervorrufen? Warum ist das so? Was sage ich als Christ, wenn ich in solch ein Gespräch verwickelt werde? Hat denn Jesus tatsächlich etwas verändert in dieser Welt? Und noch wichtiger: verändert er eigentlich irgendetwas praktisch spürbar in mir und dir, die wir uns Christen nennen? Wenn nicht, dann wäre doch alles sinnlos, was Jesus lehrte und wollte, oder? Steht und fällt nicht mit dieser Frage der christliche Glaube und das Christentum überhaupt?
Liebe Gemeinde, das ist das herausfordernde Thema dieser Predigtreihe: „Auf Spurensuche: Was hat Jesus in dieser Welt verändert?“ Ich sage gleich zu Anfang meine sehr gewagte These. Niemand hat die Menschheitsgeschichte so stark verändert und geprägt wie Jesus Christus. Aber die spannende Frage ist: was hat er verändert und wie wirkt sich das heute für uns aus? Wir wollen also in den nächsten Wochen nachforschen und verstehen, wer Jesus war und welche Kraft von ihm ausging und ausgeht.
Starten wir mit dem Nachdenken. Ohne groß nachzudenken, reden wir immer von Jesus Christus. Jesus war sein Vorname, aber Christus ist eben kein Nachname. Was bedeutet Christus? Es ist das griechische Wort für „der Gesalbte“ und der Gesalbte ist der übliche Titel für den König. Wir reden also erstaunlicherweise immer von Jesus als dem König. Wir erinnern uns an die Weihnachtsgeschichte und das Krippenspiel. Uns kommt in den Sinn, dass die Weisen aus dem Morgenland, die nach Israel kamen, den neugeborenen König der Juden suchten. Schließlich landeten sie bei Schafen, Ochse und Esel an einem Futtertrog, in dem im Stroh ein Kind liegt. Und ausgerechnet dieses Kind in der Krippe soll ein König sein? Ja, das feiern wir zu Weihnachten, aber es scheint völlig absurd. Und am Ende des Lebens von Jesus, sehen wir ihn auf einem Esel in Jerusalem hineinreiten, und die Menge schrie begeistert: „Unser König, der ersehnte Messias, der Friedenskönig und Rette!“, aber Jesus war ohne Geld, Macht und Soldaten und dachte nicht daran, einen politischen Umsturz und gewaltsamen Aufstand zu starten und landete am Kreuz, die Strafe für Verbrecher und Sklaven und über dem Kreuz stand wieder, völlig absurd, die Aufschrift: „Jesus von Nazareth, König der Juden“, abgekürzt: INRI. Ein Kind, das König sein soll? Ein hilflos leidender und Sterbender am Kreuz soll ein König sein? Das war für die Menschen vor 2000 Jahren der größte denkbare Witz. Ein König hat Macht. So wie König Herodes. Wir wissen von den antiken Geschichtsschreibern recht viel über Herodes. Er lebte in einem sagenhaften Reichtum und einem Luxuspalast mit Schwimmbädern, Gärten und Prunksälen, wie sie nur die römischen Kaiser hatten. Er ließ nicht nur die Kinder von Bethlehem ermorden, um den neugeborenen König, Jesus, dort gleich zu erwischen und auszuradieren. Er ließ auch drei seiner Söhne ermorden, eine seiner Ehefrauen, eine Schwiegermutter, zwei Schwager, dazu Tausende Aufständische und manchmal auch einfach Unschuldige, aber diese Machtdemonstration wirkte sogar auf die harten und grausamen Römer so extrem, dass Kaiser Augustus in Rom über den ihm untergebenen König Herodes in Israel spottete: man möchte lieber das Schwein von Herodes sein, als sein Sohn. Die Lebenswege von Herodes und Jesus, diesen so absolut gegensätzlichen Menschen, kreuzten sich. Herodes war der letzte König in Israel, in den 2000 Jahren darauf trug nie wieder jemand diesen Titel, außer eben Jesus. Durch Jesus aber wurden die Titel König und Kind neu mit Inhalt gefüllt. Zur Zeit Jesu standen Kinder an unterster Stelle unter allen Menschen. Auf Lateinisch nannte man sie „infantes“, das bedeutet: „die nicht sprechenden“. Kinder galten als unvernünftig. Ferner war bekannt, dass Kinder Angst haben, schwach und hilflos waren, also Eigenschaften, die man verachtete. Helden waren stark, vernünftig, redebegabt. Ja, es war völlig normal, dass Kinder nicht automatisch ein Lebensrecht hatten. Kinder bekamen frühestens nach 8 Tagen einen Namen und wurden erst dann offiziell vom Vater als Kind anerkannt, wenn sie stark, gesund und gewünscht erschienen. Vorher galten sie als noch nicht wirklich Mensch und durften weggeworfen oder getötet werden. Kranke Kinder, Mädchen, uneheliche Kinder oder Kinder, die gerade unpassend kamen, landeten tatsächlich auf dem Müll oder dem Misthaufen. Kinder durften weggeworfen werden und das passierte sehr oft. Liebe Gemeinde, wie kommt es, dass wir heute ein solches Verhalten gegenüber Kindern wie es vor 2000 Jahren in der Antike normal war, zutiefst verabscheuen und es als unvorstellbar grausam empfinden? Dass wir nicht nur in Europa, sondern mittlerweile überall in der Welt in Krankenhäusern Brutkästen für zu früh geborene, winzige, zerbrechliche Kinder haben, das verdanken wir niemand anders als Jesus. Ich hätte in der Antike höchstwahrscheinlich nicht überlebt. Ich hatte nach der Geburt einen großen hässlichen Bluterguss am Kopf. Mein Neffe hatte einen Herzfehler und musste sofort nach der Geburt am Herzen operiert werden, das gerade walnussgroß war. Früher wurden solche Kinder weggeworfen, heute reißen wir uns das Herz raus und bewegen Himmel und Erde, um die Kleinen am Leben zu erhalten, gesund zu machen und zu pflegen. Nur vergessen viele dabei zu sagen: „Danke Jesus, du hast diesen Gedanken in die Welt gebracht!“
Wir können uns nicht mehr vorstellen, welchen erdbebenartigen Schock Jesus den Menschen versetzte, als er fragte: „Wer ist der Größte unter euch?“ Man hätte normal geantwortet: „Der König!“ Oder: „Der Sportlichste, z.B. der Olympiasieger.“ Oder: „Der reichste Mann.“ Oder: „Der begabteste Redner.“ All die wurden gefeiert und bewundert. Jesus gab eine Schockantwort, die keiner verstand, wir haben die Worte vorhin gehört. Er stellte ein Kind in die Mitte der Erwachsenen und sagte: „Dieses Kind ist im Reich Gottes, also nach Gottes Maßstab, das größte von euch allen. Und wer nicht so wird wie ein Kind unter euch, der wird nicht zu Gott kommen. Aber wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt in diesem Kind mich, den König und Sohn Gottes auf.“ Schockstarre. Jesus meint im Ernst, wir sollen nicht werden wie Herodes: machtgierig, karrierebesessen, luxusverliebt, abgebrüht, egoistisch. Sondern wir sollen werden wie ein Kind: voller Freude, Spontaneität, voller Ideen und Kreativität, voller tiefem Vertrauen und voller Sehnsucht nach Liebe. Und Jesus gab mit diesen Worten Kindern eine Würde, die sie noch nie hatten. Mit ihm begann der Gedanke, dass jedes, ausnahmslos jedes Kind, ein wertvolles Geschöpf Gottes ist und unbedingt zu achten ist. Und allmählich lernten und übernahmen Christen von Jesus diese Auffassung. Um 150 n.C. lesen wir in einer Kirchenordnung, dass Abtreibung, Kindstötung und das Aussetzen von Kindern für Christen verboten sind. Bei den Römern war es immer noch legal. Aber für Christen war es plötzlich nicht mehr vorstellbar, weil dieser Jesus den Leuten die Kinderliebe ins Herz geimpft hatte. In der Antike gab es jede Menge Waisenkinder, weil einfach viele Eltern früh starben und die Lebenserwartung nur etwa 30 Jahre betrug. Christen fingen an Geld zu sammeln und sich mit aller Kraft um Waisen und Witwen zu kümmern.
Schon in der Antike gab es den Gedanken der Gottebenbildlichkeit. Aber ein Ebenbild Gottes war nach ihren Vorstellungen allein der König. Die jüdisch-christliche Denkweise war total entgegengesetzt: denn in der Bibel lesen wir am Anfang bei der Erschaffung des Menschen: „Gott schuf den Menschen nach dem Bild Gottes, als sein Ebenbild schuf er sie.“ Das heißt: jeder einzelne Mensch hat einen unendlich hohen Wert als Geschöpf und Ebenbild Gottes. Auch ein Kind. Auch ein kranker oder behinderter Mensch: herrliches Ebenbild Gottes. Jesus kam als Kind in Dreck und Gestank unter Tieren zur Welt und lag in der Krippe und war doch ein König, der wahre König, der uns Gott zeigt und Gottes wundervolle Maßstäbe für diese Welt. Er gab jedem Kind und jedem Erwachsenen die Würde wie ein König. Und genauso behandelte Jesus jeden Menschen. Ja, er erklärte ihnen: Ihr seid wahrhaftig Kinder Gottes. Wir haben, ohne dass wir es wissen, Gott sei Dank von Jesus gelernt, Menschen anders zu sehen als es vor ihm üblich war, wir haben es in unserer Verfassungen, Schulordnungen, Arbeitsgesetze hineingeschrieben, dass jeder Mensch wertvoll ist und Schutz und Achtung verdient völlig unabhängig davon wer er ist, was er besitzt, wie er aussieht, wie gesund er ist. Aber wir sind noch lange nicht am Ziel. Wir alle wissen, wie oft Menschen noch verachtet und herabgesetzt werden. Mobbingopfer, ausgelacht, verächtlich von oben angesehen, weil sie sich anders kleiden, weil sie eine Brille tragen, weil sie klein sind, weil sie stottern, für dumm angesehen, weil sie eine Behinderung haben, für kriminell gehalten, weil sie Ausländer sind. Jesus hat eine Bewegung in der Menschheit in Gang gesetzt, der wir unendlich viel zu verdanken haben. Aber die Revolution der Menschheit ist noch lange nicht am Ziel. Er ruft uns heute, dass wir uns von ihm anstecken lassen, seine Liebe verinnerlichen und danach leben, uns von ihm korrigieren, ändern und neu formen lassen, damit die hässlichen, schmerzhaften, ärgerlichen Seiten an uns und in dieser Welt endlich verschwinden, unter denen wir alle so leiden, wenn wir andere gering schätzen und schlecht behandeln. Jesus kam als der geringste und machtloseste König aller Zeiten zur Welt und starb leidend und hat uns in die Höhe gehoben, uns die Würde als Gottes Ebenbilder geschenkt, uns als Kinder Gottes geehrt. Das Kind in der Krippe hat unsere Ansichten über Könige und Kinder total umgestürzt. Und du und ich tragen durch Jesus allein jetzt eine königliche Würde. Auch ohne Krone. Hast du dich schon so gesehen? Hast du deinen Nachbarn, Arbeitskollegen, dein Kind, deinen Feind, den Arbeitslosen, den Bettler schon so angesehen, wie Jesus es dir vorlebt: siehst du seine heimliche Krone, die Jesus ihm aufgesetzt hat? Wir dürfen lernen, den anderen so zu sehen und zu behandeln. Dann wird diese arme Erde endlich zum Reich Gottes, zum Paradies. Wenn Kinder und Bettler Könige werden und jeder behandelt sie so. „Danke Jesus, dass du uns so veränderst!“ Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Sprechzeiten im Pfarramt

Büro (Verwaltung und Friedhof): Frau Müller
Montag und Dienstag 10:00 Uhr-11:30 Uhr, sowie Donnerstag 15:00 Uhr - 17:00 Uhr

Pfarrer Krause:
Donnerstag: 9.00 Uhr-11.00 Uhr
sowie jederzeit nach Vereinbarung!

Tel.: (03661) 6646
Fax: (03661) 45 52 50