Predigt Allianzwoche 10.1.2016

Greiz, 10. Januar 2016

Gottesdienst zur Eröffnung
der Allianzgebetswoche

„Und Jesus sprach: >Ein Mensch hatte zwei Söhne.<“
(Lukas 15, 11)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus! Amen.

Liebe Gemeinde!
Wir kennen die Geschichte vom Verlorenen Sohn – heute hören wir daraus einen kurzen Satz: es ist so als wenn der Film gestoppt wird und wir sehen ein Standbild: der Vater und seine zwei Söhne, diesen Moment wollen wir heute anschauen.
Aber vorher müssen wir einen Moment überlegen: was ist es denn überhaupt für eine Geschichte, die wir hier miterleben? Kein Film, sondern eine erzählte Geschichte. Das ist ungewohnt, denn wir sehen heute meistens Filme, immer weniger Menschen lesen Bücher, erzählen tut kaum noch einer. Aber die Geschichte vom Vater mit seinen beiden Söhnen von Jesus könnte man ganz unmöglich verfilmen. Wir werden gleich sehen, warum wir sie hören müssen und dann innerlich mit unserer Phantasie vor dem inneren Auge Bilder entstehen. Aber es ist ein ungeheuer spannendes Experiment. Denn Jesus erzählt hier ein Gleichnis, und das ist eine Geschichte völlig eigener Art.
Viel Aufregung brachte letzte Woche in Deutschland das medi&zini, das Apothekenmagazin für Kinder. In der neuesten Ausgabe darin findet sich ein Fragebogen für die Kinder zu ihrem Selbstbild, dort finden die Kinder Fragen zur richtigen Ernährung und zur Selbstwahr-nehmung. Abgebildet ist ein Kind, das vor dem Spiegel steht und sich selbst einschätzt, ob es gut aussieht oder sich als zu dick empfindet. Dieser Test und diese Selbstbetrachtung wird von manchen Eltern, von Erziehern und den Apothekern, die das Heft auslegen sollen, sehr kritisch betrachtet. Soll diese Selbstüberprüfung wirklich hilfreich sein für Kinder? Es ist also offenbar sehr wichtig, aber keineswegs einfach, ein gesundes und realistisches Bild von sich selbst zu gewinnen. Genau darum geht es erstaunlicherweise auch bei dem Gleichnis vom Vater mit seinen beiden Söhnen. Diese Geschichte wird nicht einfach zu unserem Vergnügen erzählt oder weil sie spannend oder rührend wäre. Nein, sondern dieses Gleichnis funktioniert im Grunde genommen wie ein Spiegel, den Jesus uns vorhält. Wir kennen es von Kleinkindern, die vor einen Spiegel treten, dass sie erst interessiert die Person dort im Spiegel beobachten, bis sie plötzlich bemerken, dass sie sich selbst dort im Spiegel sehen, ihr Spiegelbild. Dann beginnen sie meist die lustigen Spielchen, sie schneiden Grimassen und hampeln herum und betrachten dabei fasziniert ihr Spiegelbild. Auch das Gleichnis von Jesus muss man eine Weile betrachten, aufmerksam die Personen beobachten, bis einem plötzlich die Erkenntnis kommt: das ist keine Geschichte von Fremden, sondern mein eigenes Leben, meine Person spiegelt sich facettenhaft hier und da in den Charakteren wieder. Diese Selbstentdeckung in der Geschichte ist sozusagen die Eingangstür zum Verständnis vom Gleichnis, sonst bleiben wir als neutrale Beobachter außen vor und die Erzählung wird uns kaum etwas sagen. Aber diese Selbstentdeckung ist ein Risiko, man muss sich darauf einlassen, denn wenn wir plötzlich Teil der Geschichte sind, uns darin sehen, das macht etwas mit uns: das verstört und beunruhigt uns vielleicht, das berührt uns und lässt uns ganz neue Seiten an uns entdecken. Aber Jesus erzählt genau aus diesem einzigen Grund diese Gleichnisse, nämlich um in uns einen Prozess der Selbsterkenntnis anzustoßen,  und zu einem vollkommen neuen Bild von uns zu führen und uns Gott begegnen zu lassen.
Und wer sind nun diese Personen, in denen wir uns spiegeln und wiedererkennen können? Genau: die zwei Söhne des Vaters. Es geht nicht darum, dass wir dieselbe Lebensgeschichte haben wie sie. Jeder von uns hat ja seine ganz eigene einzigartige Biographie. Aber es geht um die innere Einstellung, um Gefühle und Beziehungen. Man muss sich also hineinversetzen in diese Person, um diese Verwandtschaft zu sich selbst mitzubekommen.
Aber der Bezugspunkt, der Dreh- und Angelpunkt ist eben der Vater. Es geht um das Verhältnis der Söhne zum Vater. Und darin liegt das zweite Geheimnis bei diesem Gleichnis, das Jesus erzählt: indem wir diese scheinbar ganz normale menschliche Geschichte hören von den Familienverhältnissen zwischen einem Vater und seinen beiden erwachsenen Söhnen und dem Erbe, taucht ein Bild auf, das uns Gott zeigt, er erscheint uns in dem Vater in dieser Geschichte. Und je mehr wir uns hineinversetzen und mitfühlen und uns selbst wahrnehmen in dem einen oder dem anderen Sohn des Vaters, desto deutlicher erscheint vor uns das Bild des göttlichen Vaters. Deshalb also ist das Gleichnis Jesu keine platte Geschichte und man kann sie nicht verfilmen, weil es dann eben einfach eine menschliche Erzählung wäre. Aber das Gleichnis wird dreidimensional und lebendig und entfaltet ungeahnte Kräfte in unserm Leben, wenn wir die zweite und dritte Dimension entdecken: also wenn wir sie als Spiegel nehmen für uns selbst und unser Verhältnis zu Gott. Farbe gewinnt diese Geschichte, wenn wir uns fragen: empfinde ich Gott so wie der jüngere Sohn? Frage ich mich: was springt raus für mich, was gibt mir der Vater? Fühle ich den Drang, mein Leben unabhängig und frei zu gestalten und nicht immer unter den strengen kontrollierenden Augen des Vaters zu bleiben? Fühle ich auch so, dass ich nicht will, dass er mir ständig Vorschriften und kritische Nachfragen vorhält? Ich will selbst mein Leben bestimmen, ich bin ja schließlich ein erwachsener mündiger Mensch. Suche ich eher ein distanziertes Verhältnis vom Vater? Ich kann ja hingehen, wenn ich ihn brauche. Aber dass es mir lästig und einengend vorkommt, wenn ich ständig die Augen Gottes über mir sehe? Oder spiegelt sich meine Beziehung zu Gott eher in dem älteren Bruder? Immer treu der Kirche verbunden? Nie auf Abwege geraten. Ich weiß, was ich am Vater habe und diene ihm treu. Ich weiß mich solange ich denken kann in Gottes Nähe. Ich versuche so gut es geht mein Leben nach Gottes Geboten zu führen, ihm zu dienen, meinen Teil zu tun nach meinen Kräften. Ich bin genügsam und suche nicht nach den großen Abenteuern. Aber ich bleibe bei ihm. So weit, so gut. Aber manchmal bin ich tief in meinem Inneren ein klein wenig enttäuscht und unzufrieden, dass nicht mehr für mich herausspringt als treuer Diener des Vaters. Andere hauen auf den Putz, leben nur für sich und ihren Spaß, machen das große Geld und leben scheinbar viel unbeschwerter und machen sich nicht so einen Kopf wie ich um Moral, Anstand und Gebote. Und sie scheinen viel besser und freier zu leben. Ist das gerecht? Manchmal würde ich gerne mehr von Gott sehen, ihn mehr spüren, mehr von ihm abbekommen. Lohnt es denn wirklich, was ich hier tue? Lohnt all die Schufterei und die Mühe? Eigentlich traue ich mich gar nicht, das zu fragen, das tut man ja nicht als Christ. Aber irgendwo in mir schlummern diese Fragen und diese Unzufriedenheit und der Frust und manchmal bin ich einfach erschöpft und müde und möchte Gott sagen: ich kann nicht mehr. Kennen wir solche verborgenen Gefühle? Vielleicht sehen die Assoziationen bei mir und dir auch anders aus. Aber plötzlich wird diese Geschichte vom Vater und den Söhnen verknüpft mit meinen Gefühlen und Erlebnissen, ich schaue in den Spiegel und frage mich: wie sehe ich den Vater? Und wie sieht er mich? Und wenn wir so versuchen den Hintergrund dieser Geschichte zu ertasten, ahnen und spüren wir: unser eigenes Leben ist eben nicht eindimensional. Es geht hier nicht nur um Fragen danach, ob das Geld stimmt, ob sich die Mühe lohnt, ob ich nicht zu kurz komme und das Leben auch genießen kann. Nein, mein und dein Leben haben einen tieferen Sinn und eine ganz tiefgründigen großen Rahmen: sobald wir in eine Kirche hineingehen treten wir ja in einen Raum voller Zeichen und Symbole, voller Lichter, Gerüchen, Klängen, die uns zeigen, es gibt eine viel tiefere und größere Wirklichkeit hinter und über und unter allen sichtbaren Dingen, die Dimension Gottes, die Welt des Vaters, der dich und mich und diese Welt gemocht und gewollt hat und uns vollkommen unbegreiflich und überwältigend tief liebt als seine über alles geliebten Kinder. Dieser Vater ist alle Zeit mit seinem ganzen Sehnen und Fühlen und Tun um uns bemüht, sein Herz schlägt intensiv und heftig für uns. Für diese absolut fantastische Dimension des Lebens öffnet uns Jesus mit diesem Gleichnis den Blick, er öffnet ein Fenster, das unser Leben in völlig neues Licht taucht. Wer das erlebt hat, der wird es nie wieder vergessen, dessen Leben hat bei allen Problemen und Sorgen einen ganz festen Halt und ein sicheres Woher und Wohin, weil wir ganz geborgen sind in der Liebe dieses Vaters. Und so ist dieses Gleichnis unendlich viel mehr als irgendeine Geschichte: es ist Spiegel und Rahmen für unser Selbst, es ist eine Tür zum Herzen des Vaters und ein Fenster zur Ewigkeit und zum letzten Sinn und Ziel meines Lebens, das eben in dieser Herzensbeziehung zum leibenden Vater im Himmel liegt. Ich freue mich, dass wir in dieser Allianzwoche über dieses Gleichnis noch mehr nachdenken dürfen und wünsche uns, dass sich die Liebe des Vaters in reichen Facetten und Farben in unser Leben hinein bricht und wiederspiegelt.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus unserm Herrn. Amen.

Sprechzeiten im Pfarramt

Büro (Verwaltung und Friedhof): Frau Müller
Montag und Dienstag 10:00 Uhr-11:30 Uhr, sowie Donnerstag 15:00 Uhr - 17:00 Uhr

Pfarrer Krause:
Donnerstag: 9.00 Uhr-11.00 Uhr
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