Predigt 6. n. Trin. 07.07.2013

7. Juli 2013

 

6. Sonntag nach Trinitatis

Jesaja 43, 1-7

 

Wir hören den Predigttext aus dem Buch des Propheten Jesaja im 43. Kapitel:

 

„Jetzt aber - so spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und der dich geformt hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir. Wenn du durchs Wasser gehst, so will ich bei dir sein, und wenn durch Ströme, so sollen sie dich nicht ertränken. Wenn du durchs Feuer gehst, sollst du nicht versengt werden, und die Flamme soll dich nicht verbrennen. Denn ich bin der Herr, dein Gott, der Heilige Israels, dein Retter. Ich habe Ägypten hingegeben als Lösegeld für dich, Kusch und Seba für dich. Weil du kostbar bist in meinen Augen und wertgeachtet, und ich dich liebe, gebe ich Menschen für dich hin und Völker für dein Leben. Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir. Vom Osten bringe ich deine Nachkommen her, vom Westen her sammle ich euch.  Ich sage zum Norden: Gib heraus, und zum Süden: Halte nicht zurück! Führe meine Söhne heim aus der Ferne, meine Töchter vom Ende der Erde! Denn jeden, der nach meinem Namen benannt ist, habe ich zu meiner Ehre erschaffen, geformt und gemacht.“

 

  1. 1.    Leben im Zeichen der kleinen und großen Ängste –

wir hören den Ruf: „Fürchte dich nicht!“

 

Liebe Gemeinde, kleine und größere Ängste bestimmen unseren Lebensweg. Kein Mensch ist frei von Angst. In einer Umfrage, wovor sie Angst haben,  nannten die Leute – zunächst kleine Ängste: Angst vorm Zahnarzt, Angst vor der Klassenarbeit, Angst vor einem fremden Menschen, Angst ausgelacht zu werden, Angst im Dunkeln über den Friedhof zu gehen, Angst den Bus zu verpassen, Angst vor dem Chef, Angst hinzufallen auf der Treppe, Angst dass man den Herd vergessen hat auszuschalten. All das sind Alltagsängste, die einfach auftauchen wie ein dunkler Schatten, aber auch schnell wieder verschwinden. Daneben gibt es größere Ängste, die uns verunsichern und immer wieder auftauchen und uns manchmal gefangen nehmen können. Die befragten Leute nannten: Angst vor der Zukunft, Angst vor  einer unheilbaren Krankheit, Angst vor dem Tod, Angst vor persönlichem Versagen in der Schule oder auf der Arbeit, Angst vor Krieg, Angst vor Kündigung oder Arbeitsplatzverlust, und am häufigsten genannt: Angst, einen nahestehenden Menschen zu verlieren.

Ängste haben tausend Gesichter. Niemand kann Ängste einfach abstreifen. Sie gehören zum Menschsein dazu und kommen ungefragt und beschäftigen uns, verunsichern, bleiben als dumpfes Gefühl im Hintergrund und treten manchmal plötzlich massiv in den Vordergrund und können uns lähmen. Eine ältere Frau erzählte: „Zuerst, als ich in den Ruhestand eintrat, war ich erleichtert, weil all die Verpflichtungen auf Arbeit wegfielen und ich nichts mehr mit all den Schwierigkeiten am Arbeitsplatz zu tun hatte. Aber dann auf einmal fing die Leere an. Ein großes Loch kam und ich fragte mich, ob ich da wieder herauskomme.“ Angst kann wie ein großes finsteres Loch bedrohlich vor uns stehen. Kein anderer Mensch muss etwas davon wissen, aber wir kennen sehr gut dieses Gefühl, das wie ein Gigant auftaucht und uns beherrscht und hilflos macht.

Gibt es einen Ausgang aus diesem Gefängnis, einen Ausstieg aus dem tiefen Loch, in das wir gerutscht sind? Gibt es eine Gegenkraft, die uns stark macht, festhält und auf sicheren Boden stellt?

Es gibt einen, der unsere Ängste kennt und sehr gut weiß, wie tief die Angst sitzt und uns verfolgt bis in Träume und Unruhezustände. Gott weiß um unsere Angst. Und deshalb schickt er Boten, die uns seine Worte gegen die Angst zurufen. Hunderte Mal hören wir in der Bibel diese tröstende und ermutigende Botschaft, immer wieder ruft Gott uns zu: „Fürchte dich nicht!“ Das ist keine allgemeine Floskel. Sondern das gilt für mich, wo ich gerade stehe. Ich ganz allein und persönlich. Der Zuspruch für mein Leben: „Fürchte dich nicht. Denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“

 

  1. 2.    Bergmannerfahrung: gefangen in Angst, aber die Rufe von der anderen Seite kommen näher

 

Ein Bericht schildert, wie Bergleute tief unter Tage in einem Bergwerk von einem Einbruch des Stollens überrascht wurden. Sie waren gefangen in völliger Dunkelheit, abgeschnitten von der Außenwelt. Riesige Geröllmassen versperrten ihnen den Ausweg. Sofort versuchten sie mit Schaufeln sich einen Weg durch die Geröllmassen in die Freiheit zu bahnen im schwachen Schein ihrer Stirnlampen. Aber die Gesteinsmassen waren sie riesig und ihre Schaufeln so winzig. Es war aussichtslos, bald waren sie erschöpft und die Luft verbraucht. Nach stundenlangem Schuften gaben sie verzweifelt auf. Nach einer unruhigen Nacht voller schlimmster Ängste und Befürchtungen hörten sie Geräusche, die Bemühungen der Rettungsmannschaft auf der anderen Seite, sie zu befreien. Sofort waren sie wieder hellwach und voller Hoffnung und begannen mit aller Kraft weiter zu schaufeln. Immer wieder stoppten sie und horchten auf die näherkommenden Helfer drüben auf der anderen Seite und Mut und Kraft wuchsen immer mehr.

Ist das ein Bild für unser Leben? Gibt es manchmal Einbrüche in unserm Leben? Sind wir manchmal verschüttet in Angst, Trauer oder Einsamkeit und sehen keinen Ausweg mehr? Unsere Kräfte werden schnell lahm und jedes Bemühen scheint sinnlos. Doch wenn wir spüren, dass Gott unsere Not bemerkt hat und er zu uns kommt, wenn wir erfahren, wie Menschen sich mit Hilfsbereitschaft bemühen und uns entgegenarbeiten, um uns zu befreien, dann gewinnen wir neuen Mut und der gewaltige Berg der Angst schmilzt dahin. Die Liebe, die uns entgegen kommt, gibt gewaltige neue Kräfte und Zuversicht.

 

  1. 3.    Taufe: beim Namen gerufen, wertvoll und geliebt

 

Eine Taufe ist ein fröhliches und beeindruckendes Erlebnis. Es ist schön, dass die Taufen heute im Sonntagsgottesdienst ihren Platz haben. So können alle es miterleben. Dann können wir uns mitfreuen mit dem getauften Kind oder auch Jugendlichen und seiner Familie, aber wir werden jedesmal auch selbst angesprochen. Denn an keiner anderen Stelle ist der persönliche Zuspruch Gottes, die Ermutigung und die Befreiung von Ängsten so direkt und auf mich ganz persönlich gerichtet, wie in der Taufe. Heir wird es festgemacht, mir mit Namen zugesprochen, mir mit dem Wasserzeichen ein für allemal eingeprägt, schriftlich versichert, mit einem brennenden Licht symbolisch vor Augen geführt: du bist ein einzigartiger und besonderer Mensch, so von Gott gemacht, wunderbar und einmalig, unendlich kostbar und unersetzlich. Du bist gewollt, geliebt, du bist Gottes Kind, in ein ganz persönliches Verhältnis zu Gott gesetzt, er ist dein Schutz, deine Kraft, dein Heil und das gilt lebenslang und in Ewigkeit. Nie und nimmer wird Gott das vergessen oder den Bund brechen, er ist für immer für dich da und dein starker Beschützer und liebender Vater. Das bedeutet eine starke und befreiende Lebensbotschaft: ich bin nicht ein Zufallsprodukt, ich bin kein Unfall – es gibt ja Eltern, die ihren Kindern das so sagen - , ich bin vielleicht von Menschen so nicht gewünscht, aber Gott, mein Schöpfer hat ja gesagt, wollte mich und hat mir mein Leben geschenkt und sieht mich als sein Kind an – und was liebt man mehr als sein Kind, es ist das absolut wichtigste und größte. Eine Ameise hat keinen Namen. Sie ist eine aus dem großen Ameisenhaufen, verwechselbar, austauschbar. Du aber, Mensch, hast einen Namen, einmalig. Du hast deinen Charakter, deine einzigartigen Fähigkeiten. Du bist Gottes Liebling, vergiss das nie. Das ist deine großartige Identität. Du bist keine Nummer. Auch wenn das in der heutigen Welt oft so scheint. Wer sieht dich an? Wer kennt dich? Wer schätzt dich und gibt dir Respekt? Keine Angst, du hast bei Gott einen Namen. Du sollst dich entfalten mit allem, was Gott in dich hineingelegt hat. Dein Leben kann und soll ein Gewinn und eine Freude werden. Gott wünscht genau das für dich. Das ist die biblische Befreiungsbotschaft, das ist die Wahrheit über dich. Wenn wir sie tief in uns verankern und gegen alle Zweifel daran glauben, dann hat unser Leben eine gute Basis.

 

  1. 4.    Die Überschrift des Lebens wird neu: „Du liebst mich, also bin ich“

 

Der französische Philosoph Rene Descartes gab sozusagen den Startschuss für die moderne Aufklärung, als er die Grundlage für das Verständnis des Menschen und der Welt so formulierte: „Ich denke, also bin ich.“ Ich bin ein Individuum, ich verstehe mich selbst und die Welt kraft meiner Gedanken. Seit Jahrhunderten prägt der Individualismus die westliche Welt, in den letzten 30 Jahren hat sich das extrem verschärft. Wir sind immer weniger eingebunden in feste gesellschaftliche Normen, in überlieferte Traditionen. Man fragt nicht mehr: wie war es früher? Wie machen andere das? Sondern man sagt: ich habe mir das ausgedacht und so mache ich es. Das führt auch dazu, dass immer mehr Menschen um sich selbst kreisen und weniger bereit sind, sich auf andere einzustellen. Viele werden kantiger, härter, eigensinniger – und auf der anderen Seite einsamer, verletzter, isolierter. Man mag diese Entwicklung erfreulich, unabänderlich oder schädlich nennen – es ist so. Wir sind sehr auf uns selbst gestellte, freie und individuell geformte Menschen in dieser Zeit geworden. Und keiner möchte diese Freiheit wieder loslassen. Wir haben und daran gewöhnt. Aber wir sind wir? „Ich denke, also bin ich“? Wer bin ich Mensch denn im Universum und was gibt mir Sinn und Ziel?

Mein theologischer Lehrer an der Universität hat dem Satz von Descartes die Aussage der Bibel über den Menschen entgegengestellt, der Zuspruch, der für mich gilt und mein Leben umkrempelt und auf eine neue Grundlage stellt, jenseits des Individualismus. Hans-Joachim Eckstein sagt: „Du, mein Gott, liebst mich, also bin ich.“ Das ist die Überschrift für mein Leben, die durch die Taufe gültig ist und mein ganzes Leben, jeden Tag, jede Stunde prägen darf, mein Selbstbewusstsein durchdringen darf. Es gibt, so meine ich, keine schönere, keine erfreulichere und verheißungsvollere Zusage, als die, dass ich in meinem ganzen Dasein gewollt, geliebt und einzigartig gut bin, weil Gott, das Gegenüber meines Lebens ist, das große Du, der immer schon war vor mir, der sich ausgedacht hat, dass ich sein soll, der gute Gedanken, Wünsche, Kraft für mich bereithält, damit ich leben darf, atmen, mich bewegen, mich entfalten. „Du bist gewollt, kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur. Du bist ein Gedanke Gottes, ein genialer noch dazu. Das ist der Clou, du bist du.“ – so heißt es in einem Lied.

 

  1. 5.    Das Bedürfnis nach Gemeinschaft, Beziehung und Eigenständigkeit: unbedingt gewollt und wertvoll

 

Wenn ich ein kleines Baby betrachte, dann begeistert mich das jedesmal. Denn es ist faszinierend zu sehen, wie ein kleiner neuer Mensch, so ganz am Anfang seines Lebens und seiner Entwicklung, immer mehr sich zu einer Persönlichkeit entwickelt, seine Eigenart entwickelt, lernt, immer mehr und mehr eigenständig tun kann und will. Irgendwann will das Kind nicht mehr nur auf dem Arm der Mutter liegen, auf dem Schoss sitzen, den Löffel in den Mund geschoben bekommen: ich will, ich kann – das ist die spannende Entdeckungsreise in die Welt und in ein eigenständiges Leben. Dennoch: wenn es eine grundlegende Wahrheit gibt, die das Leben eines Baby beschreibt, dann ist es eben nicht: ich denke, also bin ich. Sondern ein kleiner Mensch strebt immer nach dem Kontakt zum Du, sucht das Gegenüber, lernt nur durch die Mutter, den Vater, das Gegenüber. Es braucht mehr als alles andere, als Milch und Brei und Schnuller das liebende, gut zusprechende Gegenüber, die Geborgenheit, Annahme und Liebe. Psychologen sagen, dies ist der Kern der Persönlichkeitsentwicklung überhaupt und prägt für ein Leben lang. Deshalb ist die Urwahrheit für die Erlebniswelt eines kleinen Kindes: „Du liebst mich, also bin ich.“ Aber wenn das Kind größer wird, ein selbständiger, vernünftiger, unabhängiger Mensch, dann sind wir immer noch bestimmt von diesem Wunsch nach Gemeinschaft und dem Ausrichten auf ein Gegenüber, das uns versteht und bejaht. Manchmal treibt das merkwürdige Blüten. Manche Jugendliche, die sich von der Elternliebe abnabeln, tun die verrücktesten und absurdesten Dinge, um sich Anerkennung und Achtung von Gleichaltrigen oder Freunden zu erringen. Wie heftig und abgrundtief muss dieses Bedürfnis nach Anerkennung sein, denke ich dann. Ja, wir sind als Menschen angelegt auf ein Gegenüber, das uns zeigt, wer wir sind und dass wir wertvoll und geliebt sind. Die mitmenschliche Anerkennung ist wichtig, aber sie kann nie die Zusage ersetzen, die unserem Leben von der Geburt bis zum Tod, in allen Höhen und Tiefen des Lebens und auf ewig unerschütterlichen Halt gibt und den tiefsten Grund und das letzte Ziel im Leben schenkt: was wir in der Taufe einmal geschenkt bekommen und nie verlieren: ich bin wertvoll von Gott gemacht und er liebt mich ohne Ende.

Geborgen und fest verankert in dieser Liebe, finden wir die Kraft und die Freiheit, uns zu entfalten und jeden Tag unser Leben als großartiges Geschenk zu begreifen.

Liebe Gemeinde, vielleicht können wir das heutige Wort aus dem Jesajabuch ganz persönlich auf unser eigenes Leben beziehen, als persönlicher Zuspruch, von Gott für diesen Tag, als Ermutigung und Versicherung, die für uns gilt. Versuchen wir es so zu hören:

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir. Wenn du durchs Wasser gehst, so will ich bei dir sein, und wenn durch Ströme, so sollen sie dich nicht ertränken. Wenn du durchs Feuer gehst, sollst du nicht versengt werden, und die Flamme soll dich nicht verbrennen. Denn ich bin der Herr, dein Gott, der Heilige Israels, dein Retter. Weil du kostbar bist in meinen Augen und wertgeachtet, und ich dich liebe, gebe ich alles für dich. Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir.“

Amen.

 

Sprechzeiten im Pfarramt

Büro (Verwaltung und Friedhof): Frau Müller
Montag und Dienstag 10:00 Uhr-11:30 Uhr, sowie Donnerstag 15:00 Uhr - 17:00 Uhr

Pfarrer Krause:
Donnerstag: 9.00 Uhr-11.00 Uhr
sowie jederzeit nach Vereinbarung!

Tel.: (03661) 6646
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