Predigt 3. n. Trin. 16.06.2013

16. Juni 2013

 

3. Sonntag nach Trinitatis

Lukas 19, 1-10

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus! Amen.

 

  1. 1.    Das Gesicht meines Gegenüber – was sagt es mir?

 

Liebe Gemeinde!

Wie lange brauchen wir, um einen Menschen einschätzen zu können, den wir sehen? Psychologen sagen, dass wir uns bereits nach 7 Sek. einen ersten Eindruck von unserem Gegenüber gebildet haben. Nach rund 10 Minuten der Begegnung, so sagen Psychologen, können wir uns ein Bild von dem Menschen machen. Sehr schnell entscheidet unser Gehirn, ob wir den anderen sympathisch finden oder unangenehm. Das ist das Prinzip des sogenannten Speeddating, einer Schnellpartnersuche, bei der Männer und Frauen einen möglichen Partner kennenlernen und sich gegenüber sitzen und 8 Minuten Zeit haben miteinander zu reden und dann entscheiden, ob sie den anderen wiedersehen wollen. Nach demselben Prinzip werden heute oft in 10 Minuten Blitzgespräch Lehrlinge oder neue Arbeitnehmer ausgesucht oder mögliche Mieter für eine Wohnung in Großstädten gefiltert. Mag sein, dass es manchen hilft, aber ich empfinde diese Methode als etwas fragwürdig, weil dadurch eine sehr oberflächliche Einschätzung von Menschen gefördert wird. Vor allem aber übt man hier eine Form von Gespräch, die ich als Bumeranggespräche bezeichnen möchte. Das Interesse bei dieser Art Begegnung ist rein egoistisch: der Mensch als solcher interessiert nicht, seine Geschichte und warum er so ist, hat keinen Platz. Hauptsache, ich habe einen Nutzen vom anderen und komme zu meinem Ziel. Vertreter und Geschäftsleute werden geschult, solche Gespräche zu führen: sie wollen verkaufen. Das ist auch in Ordnung, solange ich das Gefühl habe, ich bin trotzdem Mensch und nicht nur Verkaufsobjekt. Ich weiß nicht, wie ihr es empfindet, aber ich habe eine immense Abneigung gegenüber Menschen, die mir um jeden Preis etwas verkaufen wollen. Ich mache einen Bogen um Verkäufer im Laden, die auf mich einreden. Neulich rief mich eine Vertreterin an und wollte mir einen Telefonvertrag anbieten. Als ich ablehnte, fing sie an mich derb zu beschimpfen.

Liebe Gemeinde, heute haben wir in der biblischen Geschichte von einem solchen Mann gehört, der sich angewöhnt hatte, nur zweckorientierte, ausgesprochen egoistische Kontakte mit Menschen zu haben und sehr rüde mit anderen umging: Zachäus der Oberzöllner.

An dieser Stelle werfen wir einen kurzen Blick auf das römische Steuerwesen vor 2000 Jahren. Die Römer, Besatzungsmacht in Israel, verlangten von allen Bürgern des Landes Steuern. Die Höhe der Steuer war aber nicht festgelegt, sondern die Steuereinnahmen wurden von Rom verpachtet an jüdische Zöllner. Sie mussten am Jahresende einen festen Betrag an die Römer abliefern und durften als Gewinn in ihre eigene Tasche darüber hinaus so viel Steuer eintreiben, wie sie wollten. Zachäus war der Chefzöllner in der Stadt Jericho. Jeder, der ihn sah, machte einen großen Bogen um ihn, hasste und fürchtete ihn, denn er durfte jeden Menschen schröpfen. Zachäus hatte wahrscheinlich fast alle seine Beziehungen mit anderen Menschen dadurch verdorben, dass sie rein egoistisch und zweckorientiert waren: um sich an ihnen zu bereichern. Er wollte von Menschen nichts als Geld. So zumindest empfand es jeder. Wir können uns vorstellen, welcher Art die Begegnungen der Leute mit Zachäus waren, als er eines Tages auf der Straße erschien, um die Ankunft von Jesus mitzuerleben, der nach Jericho kommen sollte, um von Gott zu predigen und Kranke zu heilen. Zachäus bekam die gesammelte Abneigung der Leute zu spüren: „Was will denn der hier? Weg mit dem Ausbeuter! So ein Schwein wollen wir hier nicht!“ So könnten die Leute Zachäus zugerufen haben. Und wenn Zachäus in der Menschenmenge nach vorne wollte, um auch etwas von Jesus zu sehen, er war nämlich nicht sehr groß gewachsen, wird er die Ellenbogen und Fäuste der Leute zu spüren bekommen haben, die ihm unsanft zeigten: wir wollen dich hier nicht dabei haben. Aber in Zachäus muss etwas völlig anderes vorgegangen sein. Ja, er wollte immer nur das Geld der Leute. Und er suchte mit diesem Geld sein Glück. Wie unendlich viele Leute heute sich sehnen, doch endlich mehr Geld zu haben, weil sie sich mehr Wünsche erfüllen möchten und meinen, dann endlich glücklich zu sein. Aber die Wahrheit ist: Zachäus, der massig Geld hatte, war nicht glücklich. Denn natürlich konnte sein Besitz ihn nicht befriedigen, seine luxuriöse Villa war ein goldener Käfig. Also suchte er mehr, vor allem Menschen, Freunde, die in ihm etwas anderes sahen, als den Zöllner, den korrupten egoistischen Geldeintreiber. Diese tiefsitzende Sehnsucht muss Zachäus dazu getrieben haben, auf einen Baum zu steigen, um so von diesem hohen und sicheren Beobachtungsposten aus Jesus zu sehen. Ein Chefzöllner, der auf einen Baum klettert, um einen armen Wanderprediger zu hören, der von Gott spricht und zur Umkehr ruft? Das zeigt schon, dass in Zachäus sehr viel mehr steckte, als ein gefühlloser Geldhai.

 

  1. 2.    Die Begegnung mit Jesus: er sieht anders an

 

Und dann ist ER da. Alle haben ihn erwartet. Hunderte säumen die Straßenränder und blicken zu ihm. Ich habe immer wieder versucht mir diese Szene vorzustellen, wie es war, als Jesus auf Zachäus traf. Es war eine besondere Begegnung. Und es begann damit, wie Jesus den Zachäus anblickte. Dieser Blick von Jesus war außergewöhnlich, er war einzigartig. Bisher kannte Zachäus Menschen, die ihn feindlich, ablehnend und verachtend anblickten. Aber nun erlebte er, wie Jesus ihn anblickte: unvoreingenommen, freundlich, voller Wärme und Offenheit. Dieser Blick Jesu traf ihn ins Herz. Denn er spürte sofort: das ist alles, wonach ich mich sehne. Rasten aber schon im selben Moment Gedanken durch seinen Kopf: „Dieser Jesus ist ein Fremder, er weiß nicht, wer ich bin. Wenn er erst einmal erfährt, dass ich ein Zöllner bin, der die Menschen ausbeutet und nur dem Geld hinterher ist, wird er enttäuscht sein und mich ebenso verachten wie alle anderen.“ In dem Moment, gedankenversunken da oben auf dem Baum, hört er, wie Jesus ihn ruft: „Zachäus! Zachäus, komm schnell herunter! Ich will heute in dein Haus einkehren!“ Jetzt bahnt er sich den Weg zu Jesus unter dem ungläubigen Raunen und Getuschel der Menschen um ihn, die vor sich hinfluchen: „Ist dieser Jesus total von Sinnen, ruft ihn zu sich! Weiß er nicht, was das für ein übler Abzocker ist? So ein naiver Fremder! Hat ja keine Ahnung. Wenn der wüsste!“ Dann steht Zachäus vor Jesus, er sieht ihm unmittelbar in die Augen, kann diesem Blick nicht mehr ausweichen. Und ich glaube in diesem Moment ahnt Zachäus: „Nein, die Leute von Jericho liegen völlig falsch. Jesu ist nicht ahnungslos. Er durchschaut Zachäus.“ Zachäus ist schockiert und in der Tiefe seines Herzens angerührt: Jesus sieht ihn ganz und gar anders an, als er je zuvor angesehen worden ist. Jesus weiß und durchschaut, dass Zachäus kein guter Mann ist. Er sieht voller Schmerz, was er kaputt gemacht hat und wie er das Leben anderer terrorisiert hat. Jesus  sieht seine Einsamkeit und seine innere Leere und Verlorenheit, weil Zachäus seine Sehnsüchte und Ängste nicht mit Geld und Besitz ausfüllen konnte, sondern in seiner Seele hungrig und sehnsüchtig blieb. Jesus sieht ihn und schaut viel tiefer als alle anderen, er sieht hinein in seine Seele. Und er versteht ihn. Das ist der Blick, mit dem Jesus immer die Menschen angeschaut hat. Es ist ein Blick, der voller Wärme und Offenheit ist, aber der auch nichts beschönigt. Jesus sieht ihn, aber verurteilt ihn nicht, weil er versteht, was Zachäus bewegt und warum er so geworden ist. Es ist so, als ob sein ganzes Leben offen vor Jesus liegt. Jesus will zu ihm nach Hause, er will ihn besuchen. Unfassbar! Zachäus begreift mit Staunen: ich habe Jesus gesucht, aus Neugier, aus dieser inneren Unruhe und Sehnsucht heraus, aber Gott ist schon lange vorher auf der Suche nach mir gewesen.

 

  1. 3.    Der Blick mit verändernder Kraft

 

Jesus sieht ihn an mit einem Blick, der das Leben des Zachäus von Grund auf verändert. Liebe Gemeinde, wie ich schon gesagt habe, ich versuche mir vorzustellen, wie Jesus den Zachäus angeblickt hat. Ich habe eine Ahnung davon und doch kann ich es nicht ganz begreifen.

Ich blicke in viele Gesichter jeden Tag, vertraute Gesichter, ganz fremde Gesichter. Und dann ist da der eine, der mich unsichtbar jeden Tag ansieht. Wenn ich in den Gottesdienst komme, dann suche ich sozusagen sein Gesicht, trete vor ihn, in seine Gegenwart. In der Bibel wird uns Gott vorgestellt und einer seiner Namen ist: er ist der Gott, der mich sieht. In diesem Moment ahne ich, was Zachäus erlebt hat. Die Erfahrung des Gesehenwerdens. Wir werden hunderte Male angesehen: gleichgültig, geschäftsmäßig, voreingenommen, und dann plötzlich treffen wir auf einen Menschen, dessen Gesicht strahlt und lacht, wenn es uns sieht: die Mutter, der Vater, deren Augen leuchten, wenn wir kommen, das Kind, das lacht, wenn wir da sind. Und erst recht der Moment, wenn wir verliebt sind und der andere sieht uns an mit dem Blick der uns zeigt: du bist einzigartig und besonders für mich. Es ist unfassbar und doch die schlichte Wahrheit: genauso sieht Gott mich und dich an.

Liebe Gemeinde, wie oft passiert es, dass wir Menschen durch die egoistische Brille ansehen? Das ist die Frage, vor die die Geschichte des Zachäus uns alle stellt. Reagieren wir genauso wie die Menschen in Jericho? Verachtend, urteilend, schimpfend? Ich glaube, ich kann aus diesem Schema kaum ausbrechen. Ich kann nicht alle Menschen lieben. Manchmal bin ich zu sehr enttäuscht von einem Menschen. Manchmal zehrt ein Konfirmand an meinen Nerven und ich denke: warum macht er mir das Leben so schwer? Dabei geht es gar nicht um mich. Das ist der Perspektivwechsel, den wir dringend brauchen, jeden Tag. Gott sieht mich an verstehend, ehrlich, liebevoll. Er sieht Zachäus so an. Er sieht den lärmenden und störenden Schüler so an, das bockige Kind, den übellaunigen Lehrer, den selbstgerechten Politiker. Ich muss mich nicht über sie aufregen. Wir sehen einen Menschen, aber nur Gott kennt ihn wirklich. Deshalb lasse ich ihn so sein, wie er ist. Verstehe ich, warum er so geworden ist? Welche Geschichte er hinter sich hat? Welche Ängste und Sehnsüchte in seinem Herzen sind? Nein, ich verstehe den anderen oft nicht. Gott allein sieht das. Deshalb ist es gut, wenn wir versuchen, nicht alles auf uns zu beziehen. Es kommt nicht darauf an, dass wir einen Nutzen und Vorteil haben von der Begegnung mit dem anderen.

Liebe Gemeinde, der Blick von Jesus hat Zachäus´ Leben total umgekrempelt. Er räumt auf in seinem Leben. Er weiß, dass er sich ändern muss und will. Früher hat Zachäus die Menschen gesucht, um ihnen Geld abzunehmen und selbst einen Vorteil für sich herauszuschlagen. Jetzt sucht Zachäus dieselben Menschen. Er geht durch die Straßen. Es pocht an der Tür. Er klopft einem auf die Schulter auf der Straße. Die Menschen zucken ängstlich zusammen, als sie das Gesicht des Oberzöllners sehen: was, der? Was will er jetzt wieder von mir? Und dann holt Zachäus seinen Geldbeutel, greift hinein und gibt ihnen Geld zurück: vierfach. Und er bittet um Entschuldigung. Konsterniert und überwältigt staunend bleiben die Beschenkten zurück.

Diese neue Blickrichtung des Zachäus ist faszinierend. Wir brauchen in unserer Welt Menschen, die andere nicht nur aufsuchen, weil sie etwas von ihnen wollen. Menschen, die nicht immer auf ihren Vorteil und Nutzen sehen, wenn sie mit anderen zu tun haben. Zachäus sucht Menschen auf, um ihnen etwas Gutes zu tun, zum ersten Mal ein seinem Leben.

In den erschreckenden und traurigen Erfahrungen mit dem Hochwasser an vielen Orten Deutschlands ist das etwas überraschendes und sehr ermutigendes gewesen: wir haben viele Menschen erlebt, die gesehen haben: ich werde jetzt gebraucht, sie sind losgegangen und haben mit angepackt, geholfen, Sandsäcke gestapelt, Häuser ausgeräumt, gereinigt, getröstet, ermutigt, gespendet. Das war eine wunderbare Erfahrung. Können wir davon ein wenig in den Alltag mitnehmen, auch wenn die Katastrophe hoffentlich bald vorüber ist? Können wir ein bisschen werden wie Zachäus nachdem ihn der Blick von Jesus getroffen und verwandelt hat? Lasst uns losgehen und suchen, wem wir Gutes tun können, wer unsere Hilfe benötigt. Wen können wir anblicken, wie Jesus es tut: voller Offenheit, Wärme, Verständnis? Denn dieser Blick liegt über uns allen, es ist die Art, wie Gott uns sieht: Mensch, du bist ein Bild Gottes, ein Geheimnis, sonderbar, wunderbar – gesucht und geliebt. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

Sprechzeiten im Pfarramt

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