Predigt 17.03.2013

17. März 2013

 

Sonntag Judika

Johannes 11, 47-53

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus! Amen.

 

Liebe Gemeinde,

manchmal dieser Tage, wenn man sich durch das Winterwetter hindurchkämpft mit immer neuen Schneefällen und tagelangem strengen Frost, kann man es kaum glauben: aber das Osterfest ist schon ganz nahe gerückt. Wir nähern uns dem Höhepunkt der Passionszeit. In dieser Zeit gehen wir in Gedanken den Weg mit Jesus und werden heute sozusagen Zeuge von dem Geschehen, das Jesus wenige Tage vor dem Passahfest erlebte. Es war etwas völlig ungeheuerliches und noch nie dagewesenes passiert. Eine mit Jesus eng befreundete Familie hatte Jesus dringend um Hilfe gerufen: die Schwestern Maria und Martha bettelten Jesus, er müsse schnellstens kommen, weil ihr Bruder Lazarus gestorben war. Es brauchte drei Tage, bis Jesus im Trauerhaus eintraf und traurig und enttäuscht erklärten sie Jesus: du kommst zu spät, unser Bruder Lazarus liegt schon im Grab. Dann ging Jesus mit zum Grab, ließ es öffnen und ging zum allgemeinen Erschrecken der Trauergäste hinein in die Grabkammer und rief laut „Lazarus, komm heraus!“ Lazarus erhob sich aus dem Grab und war zum Leben erweckt. Die Leute, die dieses Ereignis miterlebten, waren zutiefst beeindruckt von Jesus und kamen zum Glauben an ihn. Ich erzähle dieses Ereignis, weil wir nur auf diesem Hintergrund verstehen können, was folgt. Ich lese jetzt den Predigttext für den heutigen Sonntag, der die Ereignisse unmittelbar nach der Auferweckung des toten Lazarus  schildert, der Bericht steht im Johannesevangelium im 11. Kapitel:

„Daraufhin beriefen die führenden Priester und die Pharisäer eine Versammlung des Hohen Rates ein und fragten sich: Was sollen wir tun? Dieser Mensch [Jesus] vollbringt viele Zeichen. Wenn wir ihn gewähren lassen, werden alle an ihn glauben. Dann werden die Römer kommen und uns die Macht über Tempel und Volk entziehen. Einer von ihnen, Kaiphas, der Hohepriester jenes Jahres, sagte zu ihnen: Ihr begreift gar nicht. Bedenkt doch, es ist besser für euch, wenn ein Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk umkommt. Das sagte er nicht von sich aus, sondern weil er der Hohepriester jenes Jahres war, sagte er aus prophetischer Eingebung, dass Jesus für das Volk sterben werde. Aber er sollte nicht nur für das Volk sterben, sondern auch, um die versprengten Kinder Gottes wieder zu sammeln. Von diesem Tag an waren sie entschlossen, ihn zu töten."   

(Joh. 11, 47-53)

Liebe Gemeinde, zwei Personen stehen heute im Zentrum dieses Bibelwortes, zwei Menschen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: der Hohepriester Kaiphas auf der einen Seite, Jesus auf der anderen Seite. Jesus hat eben gerade einen Mann, der gestorben ist, dem Tod entrissen und ihm das Leben neu geschenkt, Kaiphas dagegen will erreichen, dass Jesus getötet wird. Die Szene erscheint absurd und geradezu wahnsinnig. Wie um alles in der Welt, fragt man sich, kommt Kaiphas auf diese Idee, den Lebensretter und Menschenfreund Jesus zu töten? Der König Herodes wollte Jesus schon als gerade Neugeborenen töten, aber Herodes war ein äußerst grausamer Herrscher. Kaiphas dagegen war Hohepriester, er war der höchste Anwalt des Glaubens in Israel, ein Mann, der den Geboten Gottes verpflichtet ist. Um sein Verhalten zu verstehen, müssen wir uns kurz die politische Situation verdeutlichen, in der sich Israel damals befand. Das Land gehörte zum römischen Reich, römische Soldaten und Beamte waren im Land, aber die Römer ließen die Juden in ihrem eigenen Land  solange selbst die Herrschaft ausüben, wie Ruhe, Ordnung und Unterwerfung unter die römische Oberherrschaft garantiert war. Im Jahre 6 nach Christus wurde aufgrund von Unruhe und Rechtsverletzung der Sohn des König Herodes als Herrscher abgesetzt, ein römischer Statthalter kam an seine Stelle und die Römer setzten sogar einen neuen Hohepriester als religiöses Oberhaupt ein. Er war ein Jude aus einer Priesterfamilie, aber einer, der den Römern treu ergeben war. Verständlich also, dass die Priester und allen voran Kaiphas wussten: ihr Amt, ihre Machtstellung und ihre Privilegien würden sie nur solange in der Hand haben, wie sie Ruhe und Ordnung im Land bewahrten, sonst würden die Römer sie kurzerhand absetzen. Und deshalb betrachteten sie Jesus, der immer mehr Anhänger im Volk fand, als gefährliche Konkurrenz und Störfaktor. Die führenden Priester hatten Angst, die Kontrolle zu verlieren. Ob Jesus die Wahrheit predigte, ob seine Wundertaten eine Hilfe und Wohltat für die Menschen waren, das interessierte die Priester überhaupt nicht. Sie hatten einzig und allein Sorge um ihre Machtstellung. Und so kam Kaiphas zu dem Schluss: lieber diesen Mann opfern, als dass wir alle, ich und die anderen Priester, die Macht verlieren und die Römer die totale Kontrolle über das Volk übernehmen. Dabei übersah Kaiphas, dass Jesus niemals vorhatte, einen Aufstand zu machen oder politische Macht zu übernehmen. Im Gegenteil, Jesus war unbedingt friedliebend. Einzig und allein, dass Jesus Zulauf von vielen Menschen hatte und Wunder vollbrachte, machte Kaiphas misstrauisch und ängstlich. Was Kaiphas vorhatte, war also nichts anders als die Tötung eines Unschuldigen, den er lediglich als mögliche Gefahr für die eigene Macht ansah. Für einen Hohepriester, einen Mann Gottes, ein Unding: er war zu Mord bereit.

Liebe Gemeinde, wir können voller Empörung mit dem Finger auf Kaiphas zeigen: Pfui, was für ein schlechter Mensch mit bösen Absichten! Aber wenn wir näher die Gedanken und die Motivation des Kaiphas betrachten, dann müssen wir feststellen: seine Einstellung und seine Denkweise sind auch heute weit verbreitet. Da hat sich in 2000 Jahren wenig geändert. Sicherheitsdenken bestimmt unser Verhalten: Hauptsache ich habe keine Nachteile, Hauptsache ich komme gut weg – dieses Denken kennen wir alle. Finden wir nicht auch Elemente dieses Sicherheitsdenken des Kaiphas in uns selbst? Wir leben in einer Zeit, die wir als sehr unsicher empfinden. Wer weiß, ob er seinen Arbeitsplatz nächstes Jahr noch hat? Junge Menschen machen eine Lehre, eine aufwendige Ausbildung und ein Studium, aber es kann sein, dass sie in diesem Bereich nie eine Arbeit finden. Wir spüren, wie vieles abbröckelt, und was gestern noch selbstverständlich war, kann heute schon unsicher sein. Aber gerade dieses Gefühl der Unsicherheit und die Angst um die eigene Zukunft und die Sorge, etwas abgeben zu müssen, ist es, das uns dazu treibt, die eigene Stellung mit allen Mitteln zu verteidigen. Es fängt im Kleinen an: ein Schüler versteckt die Lehrbücher in der Bibliothek vor der Prüfung, damit die anderen in der Klasse nicht lernen können und er selbst einen Vorteil hat. Einer drängelt sich im Verkehr in die knappe Lücke zwischen zwei Autos, um noch schnell über die Ampel zu kommen ehe sie auf Rot schaltet, und blendet aus, dass er damit die anderen hinter ihm zwingt zu bremsen und eventuell einen Unfall auslöst, mit Sicherheit aber hinter ihm ein anderer nicht mehr über die Ampel kommt. Wie leicht passiert es, dass wir auf Kosten anderer leben, weil wir nur unseren eigenen Vorteil im Blick haben? Und dann ist der Schritt nicht mehr weit, dass einige Politiker mit allen Mitteln um ihre Privilegien zu sichern die Wahrheit verdrehen, tricksen und betrügen. Es liegt auf derselben Linie, wenn deutsche Politiker Soldaten nach Afghanistan schicken in eine hochgefährliche Situation und argumentieren, die Sicherheit Deutschlands wird am Hindukusch verteidigt. Ich will ja gar nicht beurteilen, ob das richtig oder falsch ist, aber die Denkweise ist verräterisch. Denn sie beeinflusst uns alle, das Denkmuster des Kaiphas, das immer neu auch bei uns wirksam ist: unsere eigene Sicherheit ist uns heilig und wenn andere dabei hinten runterfallen oder zu Opfern werden, nun ja – so ist eben das Leben. Das stört mich nicht weiter, solange ich nicht das Opfer bin. Nein, wir können nicht über Kaiphas urteilen, weil wir ihm viel zu ähnlich sind. Ich erwische mich selbst dabei, dass ich ängstlich darauf achte, meine Sicherheit und meine Annehmlichkeiten zu behalten und Angst bekomme, wenn ich etwas abgeben soll oder auf der Stufe des Wohlstands etwas tiefer klettern müsste. Jesus  musste nicht nur sterben, weil Kaiphas so vorteilsgierig war und ein Opfer eines Menschen in Kauf nahm, er muss auch für mich sterben und für uns alle, weil wir alle so ticken, dass wir für unseren Vorteil kämpfen und dadurch Opfer produzieren. Darin liegt die erschreckende Wahrheit des Satzes, den Kaiphas ausspricht: einer soll für das Volk sterben. Ja, Jesus ist für uns gestorben.

Und Jesus? Schauen wir für einen Moment in sein Inneres. Wir wollen sehen, was ihn bewegt und was seine Motivation ist. In der Erzählung über die Auferweckung des Lazarus gibt es an einer Stelle eine kleine Notiz, die uns etwas über die Gefühle und innere Regung von Jesus verrät. Da lesen wir, als Jesus das Grab seines Freundes Lazarus betritt, dass er anfängt zu weinen. Jesus ist erfüllt von Mitleid. Aber – und das ist das besondere an ihm –  Jesus hat nicht nur sentimentale Gefühle, sondern bei ihm ist das Mitleiden ernst. Er sieht und versteht das Leiden seiner Mitmenschen und geht mit ihnen in die Tiefe. So wie eine Mutter, deren Kind Schmerzen leidet und weinend im Krankenhaus liegt niemals sagen würde: ich vergnüge mich währenddessen im Kino, da kann ich richtig lachen und entspannen, nein, sie wird sich neben das Krankenbett setzen und die Hand halten und innerlich mitleiden, weil sie es nicht besser haben will als ihr krankes Kind. Jesus geht nie den Weg des eigenen Vorteils, sondern er gibt sich hin in Liebe. In aller Klarheit wird das deutlich im Evangelium des heutigen Sonntags. Die Jünger streiten gerade darüber, wer der Größte unter ihnen ist und die beste Stellung im Himmel bekommt.

Auch die Jünger bewegen sich noch ganz im Denkmuster des Kaiphas: Hauptsache ich bekomme meine Vorteile, die anderen können sehen wo sie bleiben. Jesus muss seinen Jüngern kräftig den Kopf waschen: „Total verkehrt diese Denkweise“, macht er ihnen klar, „so verhalten sich die Herrscher, die ihre Völker unterdrücken. Aber ihr, meine Jünger sollt das nicht kopieren, wie es in der Welt zugeht, ihr sollt ganz anders sein, ihr sollt meinem Beispiel folgen.“ Und Jesus zeigt seinen Jüngern: ich bin gekommen, um in Hingabe für die Menschen zu leben, ich begegne ihnen und diene ihnen in Liebe. Der Evangelist Johannes illustriert das durch die Schilderung einer kleinen Szene: Jesus kommt, als die Jünger sich vor Ostern versammelt haben, und nimmt Wasser und ein Tuch und kniet sich vor ihnen nieder und wäscht ihnen die Füße wie ein Diener. Das ist die dienende Liebe, von der Jesus spricht. Diese Liebe, die Jesus seinen Jüngern und allen Menschen schenkt, die dem anderen Gutes tut, die sich ganz herunterbeugt und dient, ist eine unglaubliche Wohltat in einer Welt, wo jeder seinen Vorteil sucht. Diese Liebe, die Jesus zeigt, heilt kaputte Beziehungen, sie heilt unsere kaputte Seele. Liebe Gemeinde, es ist extrem wichtig, dass wir verstehen, dass Jesus so von liebender Hingabe erfüllt ist und dieses Bild tief in uns aufnehmen, so dass es uns verändern kann. Es ist die Herausforderung für uns, dass wir den Kaiphas in uns zur Tür hinausjagen, das wir das Verlangen nach Sicherheit und Bewahrung der eigenen Vorteile bewusst verneinen und sagen: „Nein, ich will so nicht mehr leben. Ich will den Weg Jesu gehen, den Weg der liebenden Hingabe. Ich will mich bemühen, anderen, wo ich kann, Gutes zu wünschen, Gutes zu sagen, Gutes zu tun. Jesus soll mein Denken und Verhalten prägen und formen.“  

Wir können von Jesus lernen und ihm nacheifern, aber es gibt einen Punkt, wo wir Jesus niemals nachfolgen können und es auch nicht im Entferntesten versuchen sollen. Jesus ist den Weg in den Tod gegangen für uns. Er ist der Sohn Gottes, der menschgewordene und in die Tiefe herunter gestiegene Gott, der den Menschen sucht und erlöst. Wir können uns ja fragen: wusste Jesus, dass Kaiphas und die Führenden in Jerusalem seinen Tod beschlossen hatten? Wusste er, was auf ihn zukommt? Und warum hat er sich nicht verteidigt, warum ist er nicht rechtzeitig geflohen. Die Berichte der Bibel lassen keinen Zweifel: Jesus wusste es genau und er ging bewusst willentlich den Weg. Die Bibel bringt es genau auf den Punkt und zeigt: Jesus hat sich ausgeliefert den Tötungsabsichten, dem Hass, der lustvollen Gewaltphantasie. Warum tut er das? Weil wir sonst verloren wären. Durch Hass, durch Egoismus entfernen wir uns von Gott, machen das Leben unserer Mitmenschen und uns selbst kaputt. Das nennt die Bibel Sünde. Aber Jesus will uns retten aus dem Verderben, es gibt nur diesen Weg. Jesus gibt das Höchste, was er überhaupt geben kann: er gibt sich selbst für uns total hin, er hält nichts zurück, er ist bereit sein Leben zu geben für uns. Das Gegenteil wäre: sich behalten, sich schonen und sichern, sich abgrenzen, um sich selbst kreisen. Während Kaiphas alles für sich behalten will und einen anderen opfern will, um sich und den Mächtigen und dem Volk die Privilegien und Ruhe zu sichern, opfert Jesus sein Leben und gibt das größte Geschenk für uns alle: er gibt sich und gibt uns so Heil und Erlösung und ewiges Leben. Wir haben deshalb, wenn wir an Jesus glauben, den größten Schatz: einen der uns vorbehaltlos liebt und der aus dieser Liebe sogar den Tod auf sich nimmt und sein Leben für uns hingibt.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

Sprechzeiten im Pfarramt

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