Predigt 10.03.2013

10. März 2013

 

Sonntag Lätare

Johannes 6, 47-51

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus! Amen.

 

Liebe Gemeinde,

wenn Jesus den Menschen etwas erklären wollte, hat er häufig ein Bild vor ihr inneres Auge gemalt: diese Bilder von Jesus sind sehr lebensnah, aus dem Alltag und prägen sich zehnmal so gut ein wie eine Erklärung. Heute hören wir ein solches Bild, das sich uns tief einprägen kann. Jesus sagt nämlich: ich bin das Brot des Lebens. Sein Thema ist also: der Hunger und das Sattwerden.

Wenn ich über Hunger nachdenke, kommen mir sofort zwei Bilder in Erinnerung, die sich sehr tief in meine Erinnerung eingebrannt haben. Als erstes: bei meinem ersten Besuch in Tansania sah ich Bilder von einem schwer kranken Kleinkind, das ins Krankenhaus gebracht worden war. Es sah schrecklich entstellt und mager aus und ich erkundigte mich, unter welcher Krankheit es litt. Die Antwort war: es leidet im Grunde nur an Hunger, es hat in der Dürreperiode fast nichts zu essen gehabt und dadurch hat der Körper massiv abgebaut. Ein anderes sehr gegensätzliches Bild werde ich ebenfalls nie vergessen: in den USA sah ich eine ganze Reihe von schwer übergewichtigen Jugendlichen, die sich nur noch sehr mühsam vorwärts bewegen konnten. Schnell gehen oder rennen war ihnen schon nicht mehr möglich. Wenn ich nachfragte nach ihrem Hintergrund und ihrer Lebensgeschichte, erfuhr ich, dass fast alle von ihnen „Frustesser“ waren, also aufgrund von großen Problemen in der Familie oder Schule keine Grenze mehr beim Essen gefunden hatten und einen unstillbaren Hunger entwickelt hatten. Hinter dem ungebremsten Essen wurde eine tief sehnsüchtige und hungrige Seele erkennbar.

Uns wird also deutlich, dass Jesus hier ein sehr fundamentales und für jeden von uns bedeutsames Thema anfasst, wenn es um den Hunger und das Brot geht, das satt macht. Brot ist ja nicht irgendein Nahrungsmittel, sondern das Grundnahrungsmittel überhaupt. Wenn wir von dem täglichen Brot reden, das wir benötigen – so wird es ja auch im Vaterunser verwendet – dann ist das ja schon eine Art Codewort für all die Dinge, die zum Leben unbedingt lebenswichtig sind. Liebe Gemeinde, kennt ihr das Gefühl von Hunger? Ich glaube in unserer Generation, in der es immer ausreichend zu essen gab, kennt kaum irgendeiner noch wirklichen Hunger, der an die Substanz geht und weh tut. Wir kennen Appetit und Lust zum Essen. Aber Hunger meint nicht nur einen leeren Bauch, sondern viel mehr. Im hebräischen Denken gibt es ein einziges Wort das gleichzeitig die Kehle bedeutet, also das Körperteil, mit dem man das Essen aufnimmt und herunterschluckt, aber es bedeutet auch die Seele und das menschliche Leben. Also ist für das hebräische Empfinden – und Jesus hat natürlich hebräisch gedacht – körperlicher Hunger nach Essen und seelischer Hunger, also die innere Sehnsucht und Bedürftigkeit, untrennbar verbunden. Im Deutschen können wir das auch nachempfinden, da kennen wir beispielsweise die Redewendung: „jemand kann den Rachen nicht voll genug kriegen“ und diesen Ausdruck kann man nicht nur für jemand benutzen, der gierig ist, den Essenstisch leer zu futtern, sondern auch im übertragenen Sinn für jemand, der voller Gier und Lust auf immer mehr ist, weil er seelisch voller Sehnsucht nach mehr im Leben ist. Liebe Gemeinde, wir leben in einer Zeit, in der ein materieller Überfluss herrscht wie nie zuvor. Es ist schon fast grausam anzusehen, wie viel Essen jeden Tag weggeworfen wird, in den Schulküchen, am Ende des Tages in den Supermärkten, in Restaurants. Es gab noch nie so viele Menschen, die mehr essen als nötig und gesund ist. Und insofern könnte man meinen, dass das Bild, das Jesus uns im heutigen Bibelwort vor Augen malt, dass der Mensch voller Hunger und Sehnsucht auf Brot wartet, damit er satt wird, überhaupt nicht mehr in unsere Zeit passt. Bitteschön, wenn ich den Kindern mit einem Stück Brot komme, wenn die Mutter ein Pausenbrot für die Schule mitgibt, dann winken doch die meisten müde ab und verlangen: es möchte schon mindestens ein Schokoriegel sein! Und dennoch, glaube ich, ist das Wort Jesu für unsere Zeit, gerade heute, so brennend aktuell wie selten zuvor. Ich erlebe immer wieder Menschen, die zwar äußerlich, materiell so reich versorgt sind, aber dennoch voller Sehnsüchte und Wünsche sind. Die ganze unglaublich aufgeblähte Werbeindustrie fördert und stimuliert ja pausenlos die Sehnsüchte der Menschen und redet uns ein, was wir alles angeblich unbedingt brauchen und kaufen sollten. Aber hinter all dem Wohlstand und den vollen Kühlschränken, erlebe ich viele Menschen, die innerlich in ihrer Seele hungrig und bedürftig sind. Wenn wir nur einmal ein bißchen hinter die Fassaden der Menschen schauen, wenn wir ihnen mal 5 Minuten aufmerksam zuhören, wie sie erzählen und ihre Gefühle öffnen, dann spüren wir sehr häufig den Menschen ab, dass sie voller Sehnsucht und Hunger sind nach Liebe, nach jemand, der Zeit für sie hat und sie versteht, nach Oasen der Ruhe und Erholung im Dauerstress. Es gibt sozusagen einen alarmierenden Hungernotstand für ganz viele Menschen in ihrer Seele. Und wenn wir die Worte Jesu heute aufmerksam gehört haben, dann haben wir ja mitbekommen, dass er nicht nur den äußerlichen Hunger nach Brot meint, sondern vom Brot des Lebens spricht, also auf diese ganz tiefe Bedürftigkeit und Sehnsucht in unserem Inneren abzielt. Jesus hat sozusagen den Kern des Menschen durchschaut, denn wir alle, ich und du sind Menschen voller sehnsüchtiger Gefühle, Bedürfnisse und Nöte, die uns erfüllen und antreiben und manchmal sehr bedrücken. Jesus erkennt – und das ist seine wundervolle Eigenart – mit dieser Rede vom Brot den Kern unseres Menschseins. Und wir können uns in einer stillen Minute vielleicht einmal selbst fragen: was sind eigentlich meine tiefsten inneren Bedürfnisse und Sehnsüchte, jetzt, an diesem Tag, in meiner jetzigen Lebenssituation. Jesus will genau das von uns hören. Wenn wir beten, wirklich ehrlich und ganz aus innerstem Herzen, dann kommt genau das zum Vorschein und wir können es vor Gott tragen: Herr, sieh hier, wie es in meinem Inneren aussieht, sieh meinen Hunger, sieh die Stellen, wo ich zutiefst bedürftig, sehnsüchtig und voller Verlangen bin. Und du Herr, der du mich ganz und gar kennst und verstehst, mein Gott und liebender Vater, bitte erfülle mein Herz mit dem, was es so nötig hat und wonach es sich so sehr sehnt. Liebe Gemeinde, ich bin sehr berührt und glücklich, dass wir die Konfirmanden, nachdem wir fast zwei Jahre miteinander jedesmal zu Anfang des Unterrichts reihum ein Gebet gesprochen haben, oft ganz intime und sehr persönliche Wünsche und Bitten zum Vorschein kommen, dass also die jungen Leute gelernt haben, ihr Herz ganz tief zu öffnen und ehrlich vor Gott auszubreiten. Übrigens ist das, wonach sich unser Herz im Innersten sehnt und verlangt oft etwas sehr elementares: nämlich Liebe, in dieser Zeit leiden unglaublich viele Menschen unter Einsamkeit, Gefühlskälte, Egoismus und Rücksichtlosigkeit im Umfeld und wünschen sich nichts mehr als Zuwendung, Geborgenheit und jemand, der wirklich Zeit für sie hat. Und sehr viele sehnen sich nach Frieden in ihrem Herzen, das so aufgewühlt und zerrissen ist. Mit diesem einfachen Wort vom Brot und dem Hunger, der uns erfüllt, hat Jesus sofort unser Herz aufgeschlüsselt und herausgelockt, was wir eigentlich brauchen und ersehnen in unserem Inneren.

Die Antwort Jesu auf diese Sehnsucht der Menschen ist großartig, denn er spricht vom Brot des Lebens, also von dem, was uns innerlich satt, erfüllt und zufrieden macht, Brot für unsere hungrige Kehle, Erfüllung für die äußerlichen Bedürfnisse und Nöte, aber eben auch für die Sehnsucht nach Liebe, Anerkennung und Frieden und Ruhe im Inneren. Und er bietet uns an: ich will dich satt und zufrieden machen, ich selbst will für dich da sein in deiner Bedürftigkeit: ich bin das Brot des Lebens. Und so will er das tiefste Gebet unseres Herzens erfüllen.

Liebe Gemeinde, tiefsinnig und vielschichtig ist das Wort Jesu vom Brot des Lebens und man könnte stundenlang immer weitere Details aus dieser Brotrede Jesu zu Tage fördern, ich will zum Schluss nur noch kurz anreißen, was darin steckt an Schätzen und praktischer Hilfe.

Jesus erinnert an die Wüstenwanderung des Volkes Israel, als „eure Vorfahren“, so sagt Jesus, voller Hunger waren und Gott die Not beendete, indem er Manna vom Himmel fallen ließ, das Brot, das vom Himmel kommt. Und dies ist ein weiteres Bild, das uns sehr tief ansprechen kann. Denn sind wir nicht alle schon hier und da in einer äußerlichen oder auch seelischen Krisenzeit gewesen, eine Krankheit etwa, eine berufliche Veränderung, eine Veränderung der Familiensituation durch Trennung, Streit oder Tod eines nahen Menschen, für die dieses Bild einer Wüstenwanderung ganz genau zutrifft, weil wir plötzlich uns in einer großen Not sahen, bedroht und hilflos ausgeliefert. Und vielleicht haben wir auch schon erlebt, dass in Notzeiten so etwas wie Himmelsbrot uns vor die Füße fiel, eine Hilfe von Gott, mit der wir nicht mehr gerechnet hatten, eine Stärkung, die uns Kraft gab, weiterzugehen.

Eine etwas merkwürdige und schwer verständliche Schlussfolgerung zieht Jesus aus der Wüstenwanderung der Israeliten: sie seien am Ende trotzdem gestorben. Das kann man nur verstehen, wenn man die Schilderung der Wüstenzeit im Alten Testament gut kennt, denn dort wird in aller Deutlichkeit geschildert, dass die Israeliten in der Wüste ungehorsam und rebellisch gegen Gott waren und sich von ihm abkehrten und deshalb, aufgrund ihrer Schuld alle, inklusive Mose, gestorben sind, bevor sie das gelobte Land, das von Gott versprochene Heimatland für das Volk Gottes, erreicht haben. Und auf geniale Weise lenkt Jesus hier den Blick auf die zwei Grenzen des menschlichen Lebens, an denen wir uns alle stoßen und wo wir mit unseren menschlichen Kräften hilflos sind und scheitern: das ist erstens die Schuld und zweitens der Tod. Wir alle erleben es, dass Dinge in unserem Leben zerbrechen, aber schlimmer noch es zerbrechen Beziehungen, wir werden schuldig, wir versagen und wenn wir ehrlich sind sehen wir, dass wir das nicht mehr gut machen können. Diese Risse, Abbrüche und verlorenes Vertrauen sind nicht mehr rückgängig zu machen. Und außerdem stoßen wir schmerzhaft an die Grenze des Todes. Vielleicht ist es eine schwere Krankheit, die uns oder einen nahen Mitmenschen trifft und uns tief erschüttert, weil wir spüren, unsere körperlichen Kräfte sind begrenzt und unser Leben ist bedroht und gegen diese letzte Grenze sind wir hilflos. Wir haben an Gräbern gestanden und wussten: hier sind wir absolut machtlos und hilflos, wir können uns nicht wehren und der Tod zerstört unser Leben, jetzt schon stückchenweise, wo er uns Menschen raubt und am Ende entreißt er uns selbst das Leben. Wenn wir über den Hunger nach wahrem Leben sprechen, dann spitzt es sich hier besonders zu: wir alle haben eine Sehnsucht, diese Grenzen zu überwinden, die Grenze des eigenen Schuldigwerdens und die Grenze des Todes. Innerlich schreit etwas in uns: es muss doch mehr geben. So kann es doch nicht enden. Und im Grunde ist das der Grundton, der in jedem Gefühl der Bedürftigkeit mitschwingt. Wenn wir ein wunderbares Essen hatten, werden wir immer wieder neu hungrig und wollen mehr, wer einen schönen Urlaub hatte, bei dem wachsen Wünsche nach einem weiteren. Wenn wir Liebe erleben in der Familie, dann spüren wir die Sehnsucht, dass sie noch vollkommener ist, ohne Streit, ohne Störungen. Das ist die tiefe Sehnsucht in uns nach einem wirklich heilen, nicht mehr gebrochenen, nicht mehr durch den Tod grausam zerstörten Leben, sondern nach dem vollkommenen und dem ewigen Leben.

Jeder Mensch hat diese Fragen und dieses Leiden an der eigenen Vergänglichkeit und Gebrochenheit und die Sehnsucht nach dem heilen und eigen Leben in sich. Jesus sagt darauf: ich will es euch geben, ich bin das Brot, das satt macht, nicht nur ein bisschen, nicht nur vorübergehend, ich werde euch so umfassend sättigen und zufrieden machen, dass ihr niemals wieder Hunger habt und vollkommen glücklich seid. Das passiert hier nur ansatzweise, wir spüren hier momentweise und stückweise, Jesus schenkt und einen inneren Frieden und eine Erfüllung, wie kein Mensch sie je zu geben vermag, er heilt Wunden, er vergibt uns schon hier und das ist ein Wunder, weil wir alleine nicht freikommen können von Schuld. Aber wir wissen auch: das ewige Leben, die wirkliche Erfüllung aller Sehnsüchte, den vollkommenen Frieden im Herzen, die ungetrübte nie endende Freude, das alles kann es nur bei Gott geben, in seinem Himmelreich. Aber Jesus öffnet uns die Tür zum ewigen Leben, er schenkt es uns und das gibt unserm Leben eine hoffnungsvolle, unglaublich positive und freudige Perspektive: das Beste kommt noch am Ende, Jesus will uns vollkommen und heil machen.

Jesu spricht am Ende an, dass  er seinen Leib für uns geben wird als Brot des Lebens. Hier klingt ganz deutlich das Abendmahl an,  da gibt er uns das Brot zu essen und wir hören: Christi Leib, für dich gegeben. Dieses Bild ist des letzte, das wir heute bedenken: das Brot wird gebrochen, das ist nötig, damit wir es essen können. So gibt Jesus seinen Leib hin und er wird am Kreuz zerbrochen. Er selbst, so sagt Jesus, ist das lebendige Brot, das uns das ewige Leben schenkt. Er geht in den Tod, damit wir ewig leben, er nimmt die Schuld auf sich, um uns von aller Schuld zu befreien, er lässt seinen Leib zerbrechen, um, uns aus aller Zerbrochenheit heil und vollkommen zu machen. Jesus gibt aus Liebe zu uns sein Leben total hin für uns. Wir alle wissen, was wir eigentlich im Leben ersehnen und wünschen, sind nicht irgendwelche Dinge. Wir brauchen Essen und Kleidung, Heizung in dieser kalten Jahreszeit, ein Bett und manches mehr. Aber unsere allertiefste Sehnsucht ist die nach Liebe, dass jemand uns annimmt und liebt. Im liebenden Gegenüber und der Gemeinschaft, durch Einswerden finden wir zu uns selbst. Deshalb erfüllt Jesus den tiefsten Lebenshunger in uns, wenn er sich für uns hingibt und in uns hineingibt als das lebendige Brot, das heißt,  er will mit uns und in uns leben.

So dürfen wir in der Gewissheit leben, dass Jesus all unsere Nöte und Sehnsüchte versteht und uns alles schenken will, was wir brauchen und erhoffen, denn er hat sich für uns hingegeben in den Tod, jetzt erleben wir das schon scheibchenweise und am Ende gibt er uns das ewige Leben und die Erfüllung aller Sehnsucht im Paradies.

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

 

Das Evangelium für den heutigen Sonntag, zugleich der Predigttext, steht im Johannesevangelium im 6. Kapitel:

 

(Wir ehren dich, Herr Jesus!)

 

„Jesus spricht: >Wahrhaftig, das sage ich euch: Wer glaubt, hat das ewige Leben. Ich bin das Brot des Lebens. Eure Vorfahren haben in der Wüste das Manna gegessen und sind trotzdem gestorben. Aber dies ist das Brot, das vom Himmel herabkommt. Wer davon isst, wird nicht sterben. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wenn jemand von diesem Brot isst, wird er in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Leib. Ich gebe ihn hin, damit diese Welt leben kann.<"

 

(Wir loben dich, o Christus!)

 

Johannes 6, 47-51

Sprechzeiten im Pfarramt

Büro (Verwaltung und Friedhof): Frau Müller
Montag und Dienstag 10:00 Uhr-11:30 Uhr, sowie Donnerstag 15:00 Uhr - 17:00 Uhr

Pfarrer Krause:
Donnerstag: 9.00 Uhr-11.00 Uhr
sowie jederzeit nach Vereinbarung!

Tel.: (03661) 6646
Fax: (03661) 45 52 50