Predigt 1. n. Trin. 02.06.2013

2. Juni 2013

 

Jubelkonfirmation

2. Mose 3, 1-5

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus! Amen.

 

Liebe Gemeinde!

„Ich mach Station am Weg auf dem ich geh“. So heißt ein Lied eines christlichen Liedermachers aus Thüringen. Wir machen heute Station auf unserem Lebensweg. Es tut gut, dass wir einfach mal anhalten und innerlich zur Ruhe kommen. Das ist das Angebot des Gottesdienstes: abschalten, alle Hektik und Sorgen ablegen, Frieden finden in der Seele in unruhiger Zeit, neue Kraft tanken und sich Segen schenken lassen von Gott. Wo gelingt das besser als hier, an dem friedlichen Ort in der Kirche?

Ich lese aus dem 2. Buch Mose im 3. Kapitel, den Bericht von der Begegnung des Mose mit Gott.

„Mose hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer Feuerflamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verbrannte. Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt. Als aber der Herr sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch an und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Gott sprach: Tritt nicht näher heran! Zieh deine Schuhe aus von deinen Füßen; denn der Ort, auf dem du stehst, ist heiliger Boden!

Liebe Gemeinde, an seine Schuhe hat Mose nicht gedacht. Was für eine merkwürdige Aufforderung: „Zieh deine Schuhe aus!“ Jetzt können wir mal einen Blick werfen auf unsere Schuhe, die wir heute anhaben. Die haben uns heute getragen auf dem Weg hierher. Liebe Gemeinde, ich stelle mir vor, die Schuhe des Mose könnten erzählen – sie haben einen langen Weg hinter sich. Moses Weg war abenteuerlich, seine Schuhe könnten uns erzählen von seiner Lebensgeschichte, die auch seine Geschichte mit Gott ist. Sie begann damals in Ägypten, als Mose geboren wurde und gerettet wurde als Neugeborenes vor den Mordabsichten der Ägypter und  von seinen Eltern im Binsenkörbchen ausgesetzt wurde auf dem Nil. Von der Tochter des Pharao wurde er im Körbchen entdeckt und adoptiert, am Königshof ist er aufgewachsen, erhielt eine hervorragende Erziehung, dann erfolgte eine Wende auf seinem Weg steiler Karriere, einen Absturz erlebte er, als er einen ägyptischen Sklavenaufseher erschlägt, es folgen Flucht und Asyl im fernen Land Midian, die Heirat mit der Tochter des Jithro, Familiengründung und Neuanfang als Hirte in der Halbwüste. Soweit könnten die Schuhe des Weg des Mose erzählen.

Liebe Gemeinde, wenden wir einen Moment lang den Blick von Mose zurück zu uns selbst und unseren Schuhen. Heute Morgen haben wir unsere Schuhe aus dem Schuhregal herausgenommen und angezogen. Ich gebe jetzt die Frage weiter: wie wäre es wohl, wenn unser Schuhregal erzählen könnten – viele verschiedene Schuhe haben dort gestanden über all die Jahre und Jahrzehnte, diese Schuhe spiegeln unseren bisherigen Lebensweg wieder und könnten unsere Geschichte erzählen. Welche Wege haben wir zurückgelegt? Die ersten Schuhe, die in unserem Schuhregal standen, waren die Kinderschuhe, mit denen wir die ersten wackeligen Schritte vollbrachten, dann folgten etwas größere Kinderschuhe, die unzählige Male den Weg zur Schule gingen, auch in die Kirche, irgendwann zogen wir die festlichen Schuhe zur Konfirmation an und gingen damit vor diesen Altar hier, um den Segen für den Lebensweg zu empfangen. Dann bekamen wir neue und größere Schuhe eines Erwachsenen, Tanzschritte wurden geübt, erste Schritte mit einem Mädchen bzw. einem Jungen gewagt, Arbeitsschuhe angezogen und harte Lehrjahre begonnen, die Hausschuhe könnten erzählen, was wir zu Hause und in der Freizeit gerne gemacht haben, dann ging es durch die Jahrzehnte weiter, unser persönlicher Weg, jeder kann für sich überlegen, was unser Schuhregal noch erzählen könnte über verschiedenste Schuhe und alle Wege, die sie zurückgelegt haben. Bis heute. Heute führte uns der Weg hierher in die Kirche. Wir haben heute Gelegenheit, Rückblick zu halten, für uns persönlich oder auch als Gruppe, als ehemalige Schulklasse oder als Konfirmandenjahrgang. Erinnerungen werden wach. Wir sehen unser Leben noch einmal als Ganzes vor uns. Der Weg, der hinter uns liegt ist aber viel mehr als nur eine Ansammlung von Ereignissen. Nein, unser Lebensweg hat uns geprägt, hat uns gemacht zu dem, was wir sind: ein Kinder der DDR, ein Greizer, der Weg hat uns geformt und verändert. Nun ist es nicht mehr irgendein Weg, es ist mein ganz eigener Weg: das bin ich. Mose hat seinen Weg als die Geschichte Gottes mit ihm verstanden – dort, wo er vor ihm steht am brennenden Dornbusch. Können wir das auch so sehen: dies ist mein Weg, ein schöner, manchmal schwieriger und leidvoller Weg, der nicht bloß blinder Zufall ist. Ein Weg, den Gott mich hat gehen lassen, auf dem er mich so geformt hat wie ich bin, seine Geschichte mit mir? Das ist eine gewagte Sichtweise, vielleicht können wir sie so annehmen: ja, Herr, du bist bei mir gewesen, manchmal habe ich nichts davon gemerkt, dann wieder habe ich es geahnt oder deutlich gespürt, oft erst im Nachhinein. Du hast mich begleitet auf meinem Weg und deinen Segen gegeben: einmal am Anfang zur Taufe, dann erneut zur Konfirmation und dann immer wieder. Mein Leben unter deinem Segen. Wo stehen wir jetzt?

Mose steht vor dem brennenden Dornbusch, der in Flammen steht und doch nicht verbrennt. Es ist kein gewöhnliches Feuer, es ist eine Erscheinung Gottes, eine Begegnung mit Gott selbst. Gott spricht mit Mose. Zieh deine Schuhe aus! So hört es Mose. Er begegnet dem heiligen Gott, er steht auf heiligem Boden. Wann ziehen wir unsere Schuhe aus? In islamischen Gotteshäusern, in Moscheen, ist das Tradition noch heute: man zieht die Schuhe in Eingangsbereich aus, wenn man ins Gotteshaus geht. Wir können in der Kirche unsere Schuhe anbehalten. Unsere Schuhe ziehen wir aus, wenn wir in die Wohnung eines guten Bekannten oder Freundes eintreten, aus Respekt und um keinen Dreck hineinzutragen. Es hat damit zu tun, dass man in einen sehr persönlichen und intimen Bereich eintritt, wenn man die Schuhe auszieht.

Auch wir haben heute sozusagen heiligen Boden betreten. Wir sind in die Kirche gekommen. Wir stehen vor dem Altar, wir begegnen dem heiligen Gott. Wir tun das mit Respekt und Ehrfurcht. Und doch gleichzeitig ist es auch so, als wenn wir in die gute Wohnstube Gottes eintreten, es ist eine intime und sehr persönliche Angelegenheit vor Gott zu stehen und zu ihm zu beten. Mose steht mit seiner ganz persönlichen Lebensgeschichte vor Gott und bereitet sich vor auf die Zukunft, auf den weiteren Weg. Auch wir stehen mit unserer persönlichen Lebensgeschichte vor Gott, wir erinnern uns an den Weg, der hinter uns liegt. Und wir besinnen uns, wie wohl unser Weg weitergehen wird und legen unsere Zukunft vor Gott hin und bitten ihn um seine Hilfe, seinen Segen und dass er uns führt und leitet. Mose reagiert mit Staunen und Ehrfurcht, als er vor Gott steht, aber auch mit großer Skepsis und Angst. Gott will ihm eine große Aufgabe anvertrauen, er soll zurückgehen nach Ägypten und sein Volk aus der Gefangenschaft führen. So stehen auch wir mit unseren ganz persönlichen Gefühlen vor Gott, die  wir in unserer Situation haben und wir dürfen genau wie Mose ganz ehrlich und offen dazu stehen. Wir können für uns Rechenschaft ablegen und betrachten, wo wir gerade stehen. Auch mancher von uns blickt mit gemischten Gefühlen nach vorn in die Zukunft: was steht uns bevor, wohin gehen wir? Mancher ist von Sorgen und Furcht erfüllt, aber auch mit Hoffnung und Zuversicht für sich und seine Familie. Es ist ein intimer Moment, sozusagen ein Moment des Schuheausziehens, wenn wir so persönlich unsere Lebenssituation durchdenken und die Gefühle und Gedanken in unserem Herzen offenlegen. Das geht niemand etwas an als Gott selbst. Er sieht das, wie es in uns aussieht. Aber bevor Mose wieder seine Schuhe anzieht und weitergeht, empfängt er eine Gabe, die ihn begleitet, ein Wort, das er mitnimmt: Ich bin dein Gott. Ich werde immer mit dir sein.

Mose macht eine erstaunliche Entdeckung in diesem Moment vor dem Dornbusch. Er hatte eine schwierige, man kann durchaus sagen: verkorkste Lebensgeschichte. Er hätte eine große Karriere m ägyptischen Königshof haben können. Nun ist er Schafhirte in der Halbwüste. Er hat einen Ägypter auf dem Gewissen, den er erschlagen hat, weil er seinen Zorn nicht kontrollieren konnte. Mose sieht nicht nur die schönen Seiten seiner Lebensgeschichte, er sieht auch die problematischen und dunklen Aspekte. Er ist gezeichnet durch seine schwere Geschichte. Neulich liefen einige Jugendliche mit schwarzen T-Shirts herum mit der englischen Aufschrift: „Scarred for life“ – zu Deutsch: „Gezeichnet fürs Leben“. Viele Menschen fallen mir ein, die gezeichnet sind fürs Leben: Waisenkinder, Menschen, die misshandelt wurden, Menschen mit dauerhafter Krankheit, Straßenkinder. Aber vielleicht ist jeder von uns mehr oder weniger gezeichnet durch negative Erlebnisse und Wunden im Leben. Aber gezeichnet sein ist kein unüberwindliches Hindernis. Mose nämlich wird von Gott trotz seiner schwierigen Geschichte auserwählt. Er soll zu einem Mann des Segens werden. Gott will durch ihn das Volk Israel aus Ägypten in die Freiheit führen. Und genau das wird Mose hier vor dem Dornbusch zugesprochen: ich will mit dir gehen, dich segnen, ich habe Großes mit dir vor. Gezeichnet sein müssen wir nicht negativ verstehen. Es gibt auch ein Gezeichnetsein zum Guten, zum Überwinden, zum Gelingen. Der lateinische Begriff signare heißt: mit einem Zeichen versehen. Daher kommt unser deutsches Wort „segnen“. Kinder, die getauft werden, werden gezeichnet für ihr Leben mit dem Segenszeichen, dem Kreuz. Bei der Konfirmation wird dieses Zeichen wiederholt und bekräftigt: wir gehen den Lebensweg unter dem Zeichen des Segens und der Gegenwart Gottes. Wir sind sozusagen handsigniert von Gott. Damit sind die negativen und schmerzhaften Punkte in Moses Geschichte nicht ausgelöscht, sie bleiben ein Teil seiner Geschichte. Aber er muss nicht mehr resigniert sein.

Ein kleines Mädchen ging an der Hand seiner Mutter durch die Stadt. Es sieht einen hohen Kirchturm und fragt seine Mutter: „Warum ist denn ein Pluszeichen oben auf der Kirche?“ Eine ungewollte aber sehr zutreffende Deutung, was das Kreuz für uns bedeutet und warum wir uns unter den Segen in diesem Zeichen stellen: wir haben ein großes Plus über unserer Lebenssumme. Gott nimmt die Last von Schuld und Leid und schenkt uns die Kraft neu zu starten und weiterzugehen mit ihm, dem heiligen Gott, der mit uns ist und bleibt auf unserem Lebensweg. Wir können unsere Schuhe anziehen und mit Gottes Segen weitergehen. Amen.

Sprechzeiten im Pfarramt

Büro (Verwaltung und Friedhof): Frau Müller
Montag und Dienstag 10:00 Uhr-11:30 Uhr, sowie Donnerstag 15:00 Uhr - 17:00 Uhr

Pfarrer Krause:
Donnerstag: 9.00 Uhr-11.00 Uhr
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